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Rückblick

2004 - Völler tritt zurück

Griechischer Triumph dank "Rehhakles"

Bis zum Schluss hat sie niemand ernst genommen, doch dann waren die Griechen plötzlich Europameister. Vom deutschen Trainer Otto Rehhagel taktisch klug eingestellt, düpierten sie die Favoriten, und Rehhagel wurde plötzlich als Nachfolger für den nach dem frühen Aus zurückgetreten DFB-Teamchef Rudi Völler gehandelt.

"Mist, Scheißdreck, Käse." Rudi Völler gerät nach dem miserablen 0:0 gegen Island in der Qualifikation in Rage. Aufgeregt hat ihn allerdings nicht der schwerfällige Auftritt seines Teams, sondern die anschließende Analyse des ARD-Experten Günter Netzer. "Tiefpunkt, noch tieferer Tiefpunkt. Ich kann diesen Scheißdreck nicht mehr hören", poltert Völler vor laufenden Kameras. Der Wutausbruch kann allerdings nicht davon ablenken, dass die Nationalmannschaft trotz des Erreichen des WM-Finals 2002 immer noch nicht wieder auf Augenhöhe mit den großen Fußballnationen agiert. Zwar qualifiziert sich das Team als Gruppensieger vor Schottland, Island, Litauen und den Färöer-Inseln letztlich problemlos für die Endrunde in Portugal, lässt dabei aber nicht nur bei jenem 0:0 in Island viele Wünsche offen.

Aus gegen Tschechien

Die Endrunde bestätigt diesen Eindruck. Der Auftakt gegen die Niederlande gerät noch einigermaßen vielversprechend. Torsten Frings bugsiert nach einer halben Stunde einen Freistoß vorbei an Freund und Feind ins niederländische Tor. Danach kontrolliert die deutsche Elf das Geschehen gegen weitgehend harmlose Oranjes. Diese kommen in der 81. Minute dann aber doch zum überraschenden Ausgleich durch Ruud van Nistelrooy. Schwerer als das 1:1 gegen die Niederlande wiegt aber, dass die DFB-Auswahl auch gegen Lettland nicht gewinnen kann. Hilflos rennen die Deutschen gegen das Abwehrbollwerk des Außenseiters an. Am Ende steht es 0:0 und die Völler-Truppe muss im letzten Gruppenspiel unbedingt gegen die bereits für das Viertelfinale qualifizierte Tschechen gewinnen.

Doch es kommt anders. Die Tschechen schonen ihre besten Akteure. Dennoch kassiert das deutsche Team eine Niederlage. 1:2 heißt es am Ende. Als sich Rudi Völler nach der Partie, die das vorzeitige Ausscheiden besiegelt, vor den deutschen Fans verbeugt, ahnt noch niemand, dass der Teamchef sich seinen Schlussapplaus abholt. Am nächsten Morgen tritt Völler zurück, um im Hinblick auf die WM im eigenen Land den Weg für einen unbelasteten Nachfolger freizumachen.

Modern ist, was erfolgreich ist

Wieder einmal diskutiert Deutschland darüber, wer die Nationalmannschaft in bessere Zeiten führen kann. Einer der zur Debatte stehenden Kandidaten ist bald auch Otto Rehhagel. Denn der sorgt gerade mit Griechenland für eine Überraschung nach der anderen und genießt die plötzliche Anerkennung sichtlich. Schon im Eröffnungsspiel haben Rehhagel und sein Team für eine Sensation gesorgt, als sie Gastgeber und Mitfavorit Portugal mit 2:1 besiegen. Es folgt ein 1:1 gegen Spanien. Gegen Russland leisten sich die Griechen eine 1:2-Niederlage. Doch da man mehr Tore als die punktgleichen Spanier erzielt hat, reicht es für das Viertelfinale.

Rehhagels Taktik basiert vor allem auf Zerstörung des gegnerischen Spiels. Dabei schreckt der ehemalige Trainer von Werder Bremen und Bayern München auch nicht davor zurück, die fast schon vergessene Position eines Liberos wieder einzuführen. Dafür wird er belächelt. Aber Rehhagel kümmert das wenig. Modern ist, was erfolgreich ist, lautet sein Motto. Im Viertelfinale beißt sich der müde und uninspiriert auftretende Titelverteidiger Frankreich die Zähne am griechischen Defensivriegel aus. Angelos Charisteas trifft auf der Gegenseite per Kopf (65.) und der krasse Außenseiter steht im Halbfinale. Nächstes Opfer des Rehhagelschen Abwehrbetons ist Tschechien. Diesmal sorgt Libero Traianos Dellas in der 105. Minute für die Entscheidung. Denn den Tschechen bleibt wegen der Silver-Goal -Regel keine zweite Halbzeit der Verlängerung, um den Rückstand noch auszugleichen.

Mit der ersten Ecke zum Titel

So kommt es im Finale von Lissabon zu einer Neuauflage des Eröffnungsspiels. Denn Gastgeber Portugal hat nach der Auftaktniederlage gegen die Griechen kein Spiel mehr verloren und auf dem Weg ins Endspiel England (8:7 n.E.) und die Niederlande (2:1) aus dem Weg geräumt. Doch gegen die massive Defensive der Griechen kann die von Felipe Scolari trainierte Mannschaft erneut nichts ausrichten. Wirkungslos verpuffen die portugiesischen Angriffe meist schon im Mittelfeld. In der 57. Minuten gibt es die erste Ecke für die Griechen. Charisteas ist mit dem Kopf zur Stelle und trifft zum 1:0 für den Außenseiter. Dabei bleibt es und die Sensation ist perfekt. Griechenland ist Europameister. Hunderttausende frenetische Fans empfangen das Team und seinen deutschen Trainer zurück in Athen.

Neuer Bundestrainer wird der von der Boulevardpresse in "Otto Rehhakles" umgetaufte Erfolgscoach aber dennoch nicht. Stattdessen darf ein gewisser Jürgen Klinsmann den Laden DFB komplett auseinandernehmen. Rehhagel bleibt Trainer in Griechenland und tritt bei der UEFA EURO 2008™ in Österreich und der Schweiz als Titelverteidiger wieder an.

most | Stand: 18.04.2008, 00:00

 

 

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