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Deutsches Team

DFB-Team verarbeitet Finalpleite

Auf der falschen Seite

Von Michael Ostermann

Die Nationalmannschaft stellt nach dem verlorenen EM-Finale fest, dass ihre Entwicklung nicht gradlinig verläuft und hofft, dass sie aus der Niederlage lernen kann. Denn auch nach dem 0:1 gegen starke Spanier sind die Aussichten der DFB-Auswahl gut.

Jens Lehmann lehnte an einem Torpfosten und starrte ins Rund des Ernst-Happel-Stadions von Wien. Auf der anderen Seite des Platzes jubelten die Spanier mit dem EM-Pokal. Der deutsche Torhüter und seine Kollegen waren wenige Minuten zuvor, kurz nach der 0:1-Niederlage im Endspiel, daran vorbei gelaufen. Lehmann streichelte dabei den Pott und sprach später von den "schönen Bildern", bei denen man leider auf der falschen Seite gestanden habe. "Die Enttäuschung wird erst in den nächsten Tagen, Wochen, Monaten oder Jahren kommen", sagte Lehmann.

Noch Entwicklungspotenzial

Es ist nicht auszuschließen, dass Lehmann tatsächlich lange an dieser Niederlage im Finale der EURO 2008 knabbern wird. Denn vielleicht erhält er keine Chance mehr, der Endspielpleite etwas entgegenzusetzen. Für den 38-Jährigen könnte es das letzte Länderspiel seiner Karriere gewesen sein. Eine Wachablösung im deutschen Tor von Lehmann hin zu Rene Adler (23) gilt als wahrscheinlich.

Eine neue Nummer eins könnte das sichtbarste Zeichen dafür sein, dass die Nationalmannschaft sich auch nach dieser Europameisterschaft weiter in einem Aufbauprozess befindet. Angestoßen vor vier Jahren von Jürgen Klinsmann, weitergeführt von dessen Nachfolger Joachim Löw und nun in diesem Finale gegen eine überragende spanische Mannschaft an Grenzen gestoßen. "Wir haben unseren Platz in Europa gefunden", durfte der Siegtorschütze der Spanier, Fernando Torres, angesichts des ersten Titelgewinns der Seleccion nach 44 Jahren behaupten. Die Deutschen rätselten derweil in den ersten Stunden nach der Niederlage, wo sie nun stehen nach diesem Turnier. "Es fehlt noch etwas", stellte Thomas Hitzlsperger fest. "Wir haben sehr viel Potenzial, aber alle können sich noch entwickeln."

Nur eine überzeugende Partie

Die Deutschen haben im Verlauf des Turniers feststellen müssen, dass ihre Entwicklung nicht gradlinig nach oben verläuft, sondern Schwankungen unterworfen ist. "Spielerisch waren wir in den vergangenen zwei Jahren häufig auf einem besseren Niveau als bei einigen Spielen in diesem Turnier", zog Bundestrainer Joachim Löw ein erstes Fazit. Letztlich gelang ihnen nur im Viertelfinale gegen Portugal eine wirklich überzeugende Partie gegen einen starken Gegner. Der Auftaktsieg gegen Polen war angesichts der Schwäche der polnischen Auswahl letztlich ein Muster ohne Wert.

Im Finale deutete das DFB-Team nur in äußerst minimaler Dosierung an, dass Löw und sein Trainer-Team ihm eine offensive Ausrichtung als Grundphilosphie mit auf den Weg gegeben haben. Zehn gute Minuten zu Beginn und weitere hoffnungsvolle zehn Minuten Mitte der zweiten Halbzeit – das war’s. "Wir haben nicht so wie sonst Chancen kreieren können", stellte Innenverteidiger Christoph Metzelder später, schon wieder ohne Bart, fest. Gegen die Türken im Halbfinale war das dem deutschen Team trotz einer ebenfalls nicht sehr guten Leistung noch gelungen. Die Spanier aber ließen fast nichts zu. "Sie haben wenig Fehler gemacht und das ist auf diesem Niveau schon sehr viel wert", staunte Hitzlsperger über die neuen Europameister.

Nur für Ballack wird die Zeit knapp

Auf dieses Topniveau will auch das DFB-Team gelangen. Bundestrainer Löw wird, wenn sich die erste Enttäuschung über den verpassten Titel gelegt hat, mit seinem Trainer-Team und Chefscout Urs Siegenthaler genau analysieren, warum die Mannschaft letztlich unter ihren Möglichkeiten geblieben ist. Direkt nach dem verlorenen Endspiel stand den Beteiligten naturgemäß nicht der Sinn danach, detaillierte Ursachenforschung zu betreiben. "So unmittelbar nach dem Ende so eines Turniers ist man down und ohne klare Gedanken", sagte Löw. Kapitän Michael Ballack wischte die Erinnerung an die Schattenseiten dieser EM unwirsch beiseite."Wenn man das Niveau der Mannschaft betrachtet, hat sie sich hervorragend verkauft. Wir können stolz sein. Bei aller Enttäuschung - die Mannschaft hat Großartiges geleistet" sagt er.

Ballack hat in Wien wieder ein großes Finale verloren und seinen ersten internationalen Titel erneut verpasst. Er wird bald 32 und die Zeit läuft ihm langsam davon. Für einen Großteil der Mannschaft werden sich dagegen in den nächsten Jahren wohl noch einige Gelegenheiten bieten. Marcell Jansen (22), Philipp Lahm (24), Per Mertesacker (23), Thomas Hitzlsperger (26), Bastian Schweinsteiger (23), Mario Gomez (22) und Lukas Podolski (23) stehen die besten Jahre eher noch bevor. Und sie alle haben jetzt schon die Erfahrung eines Endspiels bei einem großen Turnier gemacht. "Vielleicht können wir einiges aus diesem Spiel rausziehen", sagte Hitzlsperger. Eines Tages werden sie dann vielleicht auf der richtigen Seite stehen und die schönen Bilder in sich aufnehmen. Nur für Jens Lehmann ist es dann wohl zu spät.

Stand: 30.06.2008, 08:21

 

 

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