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Taktik und Spielssyteme der EM
Von Michael Ostermann
Die Euro 2008 ist vorbei, zuende gegangen mit dem Titelgewinn der Spanier. Im Finale präsentierten sich sowohl die Iberer als auch die Deutschen mit einer ähnlichen Taktik. Ein fünf Mann starkes Mittelfeld vor der Viererabwehrkette und ganz vorne nur eine Spitze. Dieses Spielsystem hat sich durchgesetzt bei dieser EM. Es ist nominell defensiver als etwa das klassische 4-4-2, dennoch hat das Turnier größtenteils packenden Offensivfußball geboten.
In den 31 Spielen wurden 77 Treffer erzielt. Das sind im Schnitt rund 2,5 Tore pro Spiel. Die gute Quote bestätigt nur den subjektiven Eindruck, den man beim Betrachten des Turniers gewonnen hat: Der Zug zum Tor war bei allen Mannschaften – mit Ausnahme der Griechen – unverkennbar. Und das eben trotz einer häufig eher defensiven 4-5-1-Grundausrichtung. Die Niederländer haben mit diesem Spielsystem in der Vorrunde neun Treffer erzielt, bevor sie im Viertelfinale von den laufstarken Russen überrannt wurden. Die Sbornaja wirkte dabei wie eine Kopie des Oranje-Teams, nur eben besser als das Original.
Von einem zusätzlichen Spieler im Mittelfeld versprechen sich die Trainer, dass der gegnerischen Mannschaft damit der Raum genommen wird, ihr Angriffsspiel aufzuziehen. Die Kroaten blockierten so sehr effizient die deutsche Offensive und gewannen in der Gruppenphase 2:1. Die Deutschen wiederum überraschten im Viertelfinale die Portugiesen mit einer Abkehr vom Spiel mit zwei Angreifern, das Bundestrainer Joachim Löw bis dahin stets favorisiert hatte. Diese Systemumstellung war Löws Meisterstück als Trainer.
Es erscheint paradox, dass der Offensivfußball bei dieser EM gefeiert wird, obwohl die taktische Ausrichtung eher auf eine verstärkte Defensive ausgerichtet ist. Zumal auch das Forechecking nicht mehr so ausgeprägt ist. Meist wurde der Gegner erst ab der Mittellinie erwartet. Dass dennoch viele Tore gefallen sind, hat mit dem prägenden Stilmittel dieser Europameisterschaft zu tun: dem Konter. Die schönsten Treffer des Turniers waren Kontertore. Etwa das 2:0 der Niederlande beim 4:1 gegen die Franzosen durch Robin van Persie oder das 1:0 der deutschen Nationalmannschaft gegen Portugal durch Bastian Schweinsteiger.
Der Konter oder - um es mit Löws Worten zu sagen - der vertikale Pass in die Spitze wird gegen eine kompakte Defensive zum wichtigsten Offensivinstrument. Das schnelle Umschalten nach der Balleroberung ist dabei von entscheidender Bedeutung. Am perfektesten ist das im Verlauf des Turniers den Spaniern gelungen. Der deutsche Finalgegner zelebriert dabei mit seinem überragenden Mittelfeld ein Kurzpassspiel, das es dem Gegner äußerst schwer macht, an den Ball zu kommen. Manch ein Beobachter will beim Anblick des spanischen Angriffsspiel sogar ein völlig neues Phänomen beobachtet haben: den langsamen Konter. Die Spanier lassen den Ball über viele Stationen in ihren eigenen Reihen zirkulieren, die gegnerischen Verteidiger können aber dennoch ihre Defensivordnung nicht rechtzeitig wiederherstellen.
Der neue Europameister ist im Übrigen entgegen des Trends die meiste Zeit mit einer 4-4-2-Formation durch das Turnier gegangen. Die beiden Spitzen Fernando Torres und David Villa bildeten die Anspielstationen für das quirlige Mittelfeld um Xavi und Andres Iniesta vom FC Barcelona. Doch als Villa im Halbfinale gegen Russland verletzt den Platz verlassen musste, stellte das Team problemlos auf ein Fünfermittelfeld mit dem ebenfalls unfassbar brilliant spielenden Francesc Fabregas um. Wobei der neue Europameister anders als die meisten Teams auch in diesem System nur mit einem defensivem Mittelfeldspieler, dem überragenden Marcos Senna, agierte. Davor rochierten dann vier eher offensiv ausgerichtete Akteure, die abwechselnd in die Spitze vorstießen.
Diese Überraschungsmomente sind es, die die taktischen Systeme letztlich nur als Grundformationen entlarven, auf deren Basis alles möglich ist. Die Niederländer haben das in den siebziger Jahren schon "total voetbal" genannt. Vielleicht ist das auch der Grund dafür, warum ein alles überragenden Starspieler bei dieser EM nicht auszumachen war. Wichtiger ist das Kollektiv. Zwölf Jahre nach dem bislang letzten Titelgewinn einer deutschen Nationalmannschaft bekommt der damalige Bundestrainer Berti Vogts damit noch einmal zu seinem Recht. Schon damals prägte er den Satz: "Der Star ist die Mannschaft."
Stand: 30.06.2008, 00:00
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