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Euro bricht Tabu
Von Notker Blechner
Kultur und Fußball – das war lange Zeit in Österreich ein Widerspruch. Doch zur Euro entdecken selbst die Hüter der Theater- und Festspiel-Kultur ihre Nähe zum runden Leder.
Das Wiener Burgtheater, wo sonst Beckett und Shakespeare aufgeführt wird, steht während der Euro ganz im Zeichen des Fußballs. Alltäglich schreiten Hunderte von Promis, Politikern, Managern und Super-Reichen über den grünen Teppich, um drinnen im altehrwürdigen Gebäude die Euro-Spiele live auf riesigen Flatscreens zu verfolgen. Für die dreiwöchige Bühnenpause wird das Burgtheater reichlich entschädigt. Die Telekom Austria hat das Burgtheater für die Zeit der Euro gemietet und kompensiert die wegfallenden Einnahmen.
Statt Shakespeare findet nun Fußball-Theater statt. Das Parkett des Zuschauerraums wurde in ein Fußballfeld verwandelt, die Treppen sind geschmückt mit den Trikots der teilnehmenden Euro-Nationen. Und über dem Burgtheater schwebt ein riesiger Fußball. Karin Bergmann, Vizepräsidentin der "Burg", bereut die Entscheidung nicht und freut sich über die enorme Resonanz. Da die Wiener Fanzone direkt vor dem Burgtheater platziert wurde, habe man ohnehin keine andere Wahl gehabt, meint sie.
Die eingeladenen Promis und Telekom-Geschäftspartner sind begeistert. "Das ist ein einzigartiges Ambiente", schwärmt DJ Ötzi. Vor allem die Verbindung von Party und Fußball hat es ihm angetan.
Auch Helga Rabl-Stadler, Präsidentin der Salzburger Festspiele, lässt sich von der Euro inspirieren. Besonders beeindruckt zeigte sie sich von der vollen Fan-Zone auf dem Residenzplatz beim Spiel Deutschland gegen Österreich. "So etwas habe ich noch nie gesehen", sagte sie auf dem Balkon der SN-Lounge gegenüber Spiegel online. Das Spektakel gefiel ihr so gut, dass sie bald einmal zu Beginn der Festspiele ein großes Gratis-Konzert der Wiener Philharmoniker auf dem Residenzplatz veranstalten will. "Das ist zwar ein Wunsch, aber wer mich kennt, weiß, dass er irgendwann erfüllt wird."
Denn Fußball sei, so die Festspiel-Präsidentin, für die Österreicher nicht die wichtigste Nebensache der Welt. "Das ist eher die Musik", glaubt Rabl-Stadler. Ob Volksmusik, Austro-Pop oder Klassik – Musik spiele in Österreich eine dominierende Rolle.
Mit den Fußball-Fans gehen die Kulturmacher dann doch lieber auf Distanz. Das Wiener Burgtheater hat sich wie eine Festung gegenüber der Fan-Zone abgeriegelt. Hohe Zäune, Gitterabsperrungen und sächsische Security-Personal verhindern, dass das grölende Volk in die Kultur-Hochburg strömt. "Da draußen ist doch Guantanamo", empört sich Burgtheater-Vizepräsidentin Bergmann.
Stand: 26.06.2008, 21:38
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