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Ein Blick in die Schweizer Seele
Von Frank Menke, Tenero
Der Satz "Fußball ist unser Leben" kennzeichnet nicht nur während der Euro das Selbstverständnis vieler Fans in Europa. Auf die Schweiz übertragen darf man den Wahrheitsgehalt dieser Aussage stark in Zweifel ziehen.
Wenn in Schweizer Fanzonen richtig Remmidemmi herrscht, stecken in der Regel Niederländer, Türken, Deutsche oder Anhänger anderer Gastnationen dahinter. Wie selbst Schweizer Heimatkundler einräumen, tut sich der eher zu Bedächtigkeit und Behäbigkeit neigende Eidgenosse etwas schwer damit, aus sich herauszugehen - und das nicht erst seit dem Euro-Aus seiner "Nati". Dieser Wesenszug muss heißblütige Südeuropäer in besonderem Maße verstören. Die spanische Tageszeitung "El Mundo" flüchtete sich ob dieses vermeintlich landestypischen Gebarens in beißende Ironie. "Wenn die Schweizer durchdrehen, werden sie sanft und angenehm wie Robert Walser, der bei einem seiner langen Spaziergänge erfror", konstatierte das Blatt am Beispiel des 1956 verstorbenen Schriftstellers aus dem Kanton Bern.
Man muss gar nicht das Klischee von der reichen, blitzsauberen und in Bilderbuch-Landschaften gemalten "Confoederatio Helvetica" bemühen, um festzustellen, dass Schweizer es ihrem Selbstverständnis nach nicht nötig haben, nationalen Überschwang im Fußball auszuleben. Der Schweizer Volkskundler Kurt Lussi erklärt sich diese für andere europäische Nationen häufig befremdlich wirkende Zurückhaltung folgendermaßen: "Ich glaube, dass sich Schweizer aufgrund ihrer regionalen oder familiären Verankerung nicht primär ans Nationale klammern wie andere Länder, wo nationales Bewusstsein eine Folge jener Entwurzelung ist, die bei uns in diesem Ausmaß nicht stattgefunden hat", sagt er in einem Interview mit der "Neuen Luzerner Zeitung" (21.06.08).
Anders ausgedrückt: Bodenständigkeit und Bodenhaftung zählen mehr als nationale Symbolik im Land von Heidi und Wilhelm Tell, im von Bergen besäumten Bundesstaat-Idyll der Banken, der Schokolade und der Präzisionsuhrwerke - um doch einmal jene Bilder ins Feld zu führen, die viele Europäer in Klischee behafteten Reflexen mit der Schweiz assoziieren. Dass natürlich auch Schweizer Fußballfans Fahnen schwenken und sporttypische Gesänge anstimmen, beweist für Volksseelen-Erkundler Lussi nicht zwingend das Gegenteil: "Ich bin mir nicht so sicher, ob das aus tiefster Seele kommt oder ob wir eher andere nachahmen." Gewiss seien die meisten Eidgenossen stolz auf ihr Land - aber es liege eben in ihrer Natur, "das nicht groß herauszustreichen".
Diese innere Übereinkunft mit ihrer Heimat erklärt womöglich auch, warum die Schweizer das Scheitern ihrer Nationalmannschaft vielerorts mit einer gewissen Nonchalance, ja fast schon Gleichgültigkeit hingenommen haben. Ein Schwiizer nimmt sich offenbar grundsätzlich nicht als Verlierer wahr. Wie sollte er auch in einem Land, das mit einem Bruttoinlandsprodukt von rund 40.000 Euro pro Einwohner zu den wirtschaftlich stärksten der Welt gehört. "Wir können es uns leisten, im Sport zu verlieren", sagt Volkskundler Lussi denn auch mit breiter Brust. In anderen Ländern sei das eben anders. Dort stifteten Siege im Sport eine nationale Identität, an der sich die Menschen festhalten könnten.
Bezüglich der Schweizer Volksseele spricht Lussi allerdings auch offen aus, was Ausländer oft nur denken: "Wir sind schon sehr speziell."
Stand: 21.06.2008, 14:41
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