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Österreich - Deutschland im Hinterhof
Von Wolfram Porr, Wien
Das "Wunder von Wien" ist ausgeblieben. Aber die österreichischen Fans nahmen es mit Fassung. Im "WUK-EM-Quartier" fieberten Österreicher und Deutsche gemeinsam um den Einzug ins Viertelfinale.
Wo schaut man sich das Spiel Österreich gegen Deutschland am besten an, wenn man in Wien ist, aber keine Eintrittskarten hat? Da die offizielle Fanzone schon lange vor dem Anpfiff überfüllt ist, entscheide ich mich fürs WUK. Das Werkstätten- und Kulturhaus im 9. Bezirk nahe der Uni ist eine Mischung aus "Public Viewing-Area", Biergarten und Partyzone. Der österreichische Kult-Radiosender fm4 hat hier zusammen mit den alternativen Fußballzeitschriften "Ballesterer" und "11 Freunde" das "WUK-EM-Quartier" aufgeschlagen: Hier gibt's Live-Fußball, Musik, Kabarett. Das volle Programm.
Um kurz nach 19 Uhr ist es auch hier schon krachvoll. Ein Platz auf den Bierbänken im Innenhof zu ergattern – aussichtslos. Der Hof mit zwölf Plasma-Bildschirmen und die zwei Werkstatthallen, in denen jeweils eine Großbildleinwand aufgebaut ist, werden mit Alternative-Musik beschallt. Bis ich mein erstes Bier in Händen halte, dauert es rund 15 Minuten. Aus den Boxen ertönt "Kapitulation" von Tocotronic. Nicht nur einige Wiener fragen sich, ob das schon ein erster Hinweis auf den weiteren Verlauf des Abends ist.
Draußen hat sich eine etwa zehnköpfige deutsche Fangruppe einen Platz ergattert und stimmt "Deutschland"-Sprechchöre an. Die Österreicher kontern: "Wir singen Rot, wir singen Weiß, wir singen Rot-Weiß-Österreich!" Dieses Lied wird nachher noch häufiger zu hören sein.
20 Uhr: Noch 45 Minuten bis zum Anpfiff. Für mein zweites Bier stehe ich diesmal 20 Minuten an. Immer mehr zumeist junge Fans, darunter erstaunlich viele Frauen, strömen ins WUK. Viele sind rot-weiß-rot geschminkt, auch die Frau neben mir. Ihr Freund trägt ein schwarzes Shirt mit Rot und Gold. Sein Tipp: ein klarer Sieg für Deutschland. Die meisten hier glauben aber an einen Triumph der Heimmannschaft: Immer wieder wird "Wien wird Cordoba" angestimmt. Die Spannung steigt.
20.25 Uhr: Die Mannschaftsaufstellungen werden gezeigt. Jubel brandet auf, als der Name Erwin Hoffer (spielt bei Rapid Wien) auf der Aufstellung erscheint.
Ihre Beziehung litt nicht: Kati und Jörn
20.40 Uhr: Die Hymnen singt hier kaum einer mit. Pfiffe gibt's aber für das "Kanzler-Duo" Angela Merkel und Alfred Gusenbauer. Dann endlich der Anpfiff. Es ist jetzt richtig laut im WUK. Meine beiden Nachbarn – Kati und Jörn – halten sich in den Armen: "Nein, Stress wird's wegen Fußball bei uns nicht geben", sagt Kati und skandiert "Immer wieder Österreich". Jörn, der ursprünglich aus Ulm stammt, aber "wegen der Liebe" in Wien arbeitet, hält – frei nach Stefan Raab – ein "Immer wieder deutsche Land" dagegen.
Bei jedem Ballbesitz von Ümüt Korkmaz schallt jetzt ein "Ü-ü-üüüüh" durch den Innenhof. Fast jeder gelungene Pass der Österreicher wird bejubelt. Bei der Großchance für Mario Gomez ein kurzes Innehalten, ein Raunen, und dann wieder die Anfeuerung. Lilli, zu meiner Rechten, hat ganz andere Probleme als Fußball: "Mist, ich hab meinen Labello vergessen." Für sie ist es das erste Spiel bei dieser Euro, das sie sich von Anfang bis Ende ansieht. Ihr Kommentar zum Spiel hätte aber auch von Franz Beckenbauer stammen können: "Sooo schlecht spielt Österreich ja gar nicht". Stimmt. Sehr zum Leidwesen von Jörn.
Allgemeine Verwirrung herrscht, als die beiden Trainer auf die Tribüne müssen. Der ORF-Kommentar ist nicht zu hören. Dann ist Halbzeit. Kati ist mit dem 0:0 zufrieden, Jörn ist enttäuscht: "Ich habe gedacht, wir hauen die weg."
Zur zweiten Halbzeit noch mal Anfeuerung – bis zur 49. Minute. Michael Ballack läuft zum Freistoß an und hämmert den Ball ins Netz. Jörn und die zuletzt arg ruhige deutsche Fangruppe werfen die Arme nach oben. Die rot-weiß-rote Masse nimmt es fast gelassen. Nach kurzer Schockstarre feuern sie ihr Team gleich wieder an. Jetzt erst recht.
Aus Klagenfurt wird das 1:0 für die Kroaten gegen Polen gemeldet. Das hieße: Mit einem Sieg wäre Österreich sicher im Viertelfinale. Aber es scheint, dass damit niemand mehr so wirklich rechnet, außer vielleicht Fabian und seine Freundin Marcella hinter mir. Jetzt merkt man auch, dass man nicht auf der offiziellen Fanmeile steht, sondern unter jungen Studenten im WUK. Aus dem Anfeuerungsruf "Allez, allez…" machen die Fans hier "Allee, Allee… breite Straßen, große Bäume, ja das ist eine Allee".
Jörn hofft noch auf einen Konter und das 2:0 für Deutschland, um im gleichen Atemzug festzustellen: "So richtig toll war das heute aber auch nicht." Dann der Schlusspfiff. Österreich ist raus aus dem Turnier. Jubel bei den deutschen Fans, Applaus von den Rot-Weißen. "Wir haben uns gut geschlagen", sagt einer. "Ab jetzt bin ich dann halt für die Piefkes". Kati muss ich fast gut zureden, dass sie beim Foto etwas traurig in die Kamera schaut. Alles nicht so schlimm. Das war's dann. Zusammen mit Jörn, Lilli und den anderen verabschiedet sie sich: "Schönen Abend und ba-ba".
Viele bleiben noch zur fm4-Party. Der Fußball ist jetzt wieder Nebensache. Kein "You'll never walk alone", aber auch keine "Kapitulation". Ich beschließe, dass ich nochmal wiederkomme. Vielleicht ja schon zum Viertelfinale.
Stand: 17.06.2008, 14:03
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