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Schweiz

Noch keine Begeisterung

Euro-Skepsis statt Euro-Euphorie

Von Volker Schwenck, ARD-Studio Genf

Im Juni rollt in vier Schweizer Stadien der Ball, aber das kleinere der beiden Gastgeberländern ist noch nicht recht in Stimmung: Euro-Skepsis statt Euro-Euphorie. Die Veranstalter hoffen jetzt auf den WM-2006-Effekt.

"Sagen sie mir einen vernünftigen Grund, warum man auf die Schweizer Fußball-Nationalmannschaft stolz sein sollte. Beim Eishockey oder Kickboxen, da sind wir richtig gut. Aber Fußball?" Der junge Mann steht am Zürcher Hauptbahnhof direkt vor der Countdown -Uhr, die minutenweise die Frist bis zum ersten Anpfiff herunterzählt. Noch ist es schneidend kalt, Anfang Januar, und genau so unterkühlt ist die Stimmung. Von Euro-Euphorie keine Spur, allen hochoffiziellen Bemühungen zum Trotz. Das wird schon noch, hofften Optimisten. Doch Monate später sieht es nicht viel besser aus. Das 0:4–Debakel gegen Deutschland scheint die Skeptiker vom Bahnhof zu bestätigen. Dazu kommt, dass viele Schweizer ohnehin ein eher zwiespältiges Verhältnis zu ihrer Nationalmannschaft haben. Sie würden sich im Prinzip gerne mit ihr identifizieren – aber irgendwie klappt das nicht.

Schweizer Fußball ist Clubfußball

Die Schweizer Fußball-Hauptstadt heißt Basel. Mit dem FC Basel gehen die Fans durch dick und dünn. Selbst als der Verein 1988 abstieg, blieben die Verehrer treu. Rotblau – so das traditionelle Trikot – ist mehr als eine Farbe. Es ist ein Seinszustand. Durchschnittlich 22.000 Zuschauer kommen pro Spiel in den Basler St. Jakob-Park. Das ist Schweizweit Spitze, der Hauptkonkurrent aus der größten Schweizer Stadt, der FC Zürich, kann von solchen Werten nur träumen. Überhaupt verbindet die Basler mit den Zürchern eine sorgsam gepflegte Abneigung. Als vor zwei Jahren der FC Zürich im St. Jakob-Park Schweizer Meister wurde, stürmten Basler Hooligans das Spielfeld und richteten rund um das Stadion schwere Schäden an.

Die komplizierte Nation

Johan Vonlanthen (l.) und Michael Ballack; Rechte: dpa Bild großJohan Vonlanthen (l.) und Michael Ballack

So hemmungslos die Schweizer sich für ihre Clubs begeistern können, so kühl stehen sie ihrer Nationalelf, der "Nati" gegenüber. Ein FCB-Spiel im halb vollen Stadion habe mehr Stimmung als ein ausverkauftes Match der Nationalelf, sagt Gregor Dill, Leiter des Basler Sportmuseums. "Wir interessieren uns für den FCB – aber nicht für die Nati." Das liege daran, dass Schweizer allem Nationalen gegenüber extrem zurückhaltend seien, sagt Dill. Denn die eigentliche Staatsreligion in der Schweiz ist der Föderalismus. Bern, Sitz der Bundesregierung, ist nicht "Hauptstadt", sondern "Bundesstadt". Mehr nicht. In der Schweiz leben 7,5 Millionen Menschen (davon mehr als 20 Prozent Ausländer) in 26 auf ihre Autonomie pochenden Kantonen und vier Landessprachen. Zwischen den Romands (den Bewohnern der französischsprachigen Schweiz), den Tessinern und den Deutschschweizern gibt es vor allem deswegen kaum Spannungen, weil man sich im Grunde herzlich wenigfüreinander interessiert.Nicht umsonst spricht man von der Schweizer "Willensnation". Beim Fußball will die Nation eben nicht.

"Ehrenvolle Niederlagen"

Die Silbermedaille bei den Olympischen Sommerspielen 1924 war der letzte internationale Erfolg der Schweizer Fußball-Nationalmannschaft. Darum hat der Schweizer Defätismus in diesem Punkt eine lange Geschichte und ist nur schwer zu toppen. Ein Unentschieden gilt schon als Erfolg, wesentlich häufiger ist jedoch das Minimallob der "ehrenvollen Niederlage". Bei Länderturnieren interessieren sich die Schweizer im Grunde genommen für zwei Fragen, meint Sporthistoriker Dill: "Wie hoch haben wir verloren?" ist die erste. Die zweite Frage rührt an das sensible Verhältnis zum deutschen Nachbarn. Viele Schweizer Fußball-Fans interessiert das Abschneiden der Deutschen mindestens genau so, wie das der eigenen Elf. Je früher die Deutschen rausfliegen, umso schöner. Zumindest war das bis zur deutschen Charme-WM 2006 so.

Euro-Kommerz

Warum soll das jetzt alles vor der Euro '08 nicht mehr gelten? Oder anders herum: woher soll die Euro-Euphorie eigentlich kommen? Der oberste offizielle Fußballfest-Verantwortliche, Benedikt Weibel, tut sein Bestes. Euro-Züge brausen durchs Land. Euro-Flaggen verzieren Bahnhöfe und Innenstädte. In den Auslagen der Fußgängerzonen wächst das Angebot an Fanartikeln täglich. Personal mit potentiellem Fan -Kontakt wird in Freundlichkeit geschult und lernt Begrüßungsformeln in holländisch, türkisch und rumänisch. Stadtoberhäupter beschwören die Freude auf eine tolle Fußballfete. Aber viele Schweizer fragen: Was kostet das ganze? Und wer verdient daran?

Zaun gegen Spicker

In Basel wehren sich drei Gastronomen gegen die rigiden Vermarktungsrichtlinien der UEFA. Weil von ihren Terrassen Einblicke in die offizielle Public-Viewing-Zone möglich waren, sollten die Gastronomen das Bier des UEFA-Sponsors ausschenken. Sie weigerten sich. Nun wird ein blickdichter Zaun um die Terrassen gebaut, damit nur gucken kann, wer auch dem Sponsor Bares bringt. Wie ein Symbol macht der Zaun die Kommerzialisierung des Fußballfestes deutlich. "Die EM ist nur Kulisse für das Business der UEFA. Ein Event - mit unserer Schweiz hat das doch gar nichts zu tun", sagt einer. Spontane Freude kommt so nicht auf. Abwarten, beruhigt Benedikt Weibel in Zeitungsinterviews, in Deutschland wäre es nicht anders gewesen. Und mit dem ersten Tor der Deutschen habe sich dann alles geändert.

Ein zweites Wunder von Bern?

Vielleicht behält ja Weibel Recht. Vielleicht sorgen tolle Spiele ja tatsächlich für Gute Euro-Laune. Denn es stimmt schon: auch in Deutschland war Wochen vor der WM die spätere kollektive Glückswelle nicht zu erahnen. Was damals ein ganzes Land in wohlige Verzückung trieb, war die perfekte Mischung aus gutem Wetter, guter Laune und einer deutschen Nationalmannschaft, die so ganz anders war als bislang. Keine verbissenen Kämpfer, die noch wegen eines Vize-Titels mit sich gehadert hätten, keine teutonischen Alles-oder-nichts-Extremisten. Sondern friedliche fröhliche Jungs, die mit Freudentränen in den Augen ihren dritten Platz bejubelten – und dafür bejubelt wurden. Das hat das Bild der deutschenMannschaft in der Schweiz völlig verändert. Es gab damals, berichten Kollegen, sogar Schweizer, deren Herz ein paar Takte lang für die deutsche Elf schlug. Die sich über ein deutsches Tor gefreut haben. Möglicherweise gelingt den Eidgenossen ein solches Wunder auch noch im eigenen Land.

Stand: 21.04.2008, 13:45

 

 

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