Doping-Whistleblower Dmitriev aus Russland geflohen

Der russische Whistelblower Andrey Dmitriev

"Für den Moment fühle ich mich sicher"

Doping-Whistleblower Dmitriev aus Russland geflohen

Aus Angst um die eigene Sicherheit nach einem ARD-Interview ist Doping-Whistleblower Andrey Dmitriev aus Russland geflohen. ARD-Dopingexperte Hajo Seppelt sprach mit ihm.

Hajo Seppelt: Sie haben in dieser Woche Russland mit einem geheimen Ziel verlassen, aktuell halten Sie sich an einem Ort weit weg von ihrer Heimat auf. Warum haben sie Russland verlassen?

Andrey Dmitriev: Als ich der ARD im Januar ein Interview gab, hatte ich nicht die Absicht, meinem Land den Rücken zu kehren. Aber ich bereue nichts von dem, was ich seinerzeit gesagt habe. Es war notwendig, meine Stimme zu erheben, gegen die Dopingkultur in Russland. Die Menschen müssen einfach ihr Schweigen brechen, ansonsten wird sich die Kultur im russischen Sport niemals ändern. Doch als ich im Anschluss realisierte, was auf mich zukam, wurde mir klar, dass ich besser das Land verlassen sollte. Für den Moment fühle ich mich sicher. Für mich gab es keine Alternative, als zu fliehen.

Seppelt: Was genau ist seit Januar passiert?

Dmitriev: Viele haben das Interview, und die Beweise die ich darin geliefert habe, als schädlich empfunden. Sie haben mich einen „Verräter“ genannt, einen „Lügner“. Und, dies muss ich so drastisch sagen, tonnenweise Scheiße über mich ausgeschüttet. Gleich im Anschluss an das Interview wurde ich bei beiden Trainingszentren in meiner Heimatstadt, wo ich mein Athletenstipendium bekomme, gefeuert. Anfangs habe ich geglaubt, ich könnte wirklich etwas bewirken. Aber als ich die Reaktion vieler Russen gesehen habe, wurde mir klar, dass dies zum Scheitern verurteilt war. Die Russen sind einfach nicht bereit für eine Whistleblower-Kultur.

Seppelt: Haben Sie wirklich daran geglaubt, daran etwas ändern zu können - in so kurzer Zeit?

Dmitriev: Ich habe mir zumindest mehr erwartet. Unmittelbar nach dem ARD-Interview gab es in unserem Land tatsächlich eine verstärkte Diskussion über Doping im Sport. Aber nur für sehr kurze Zeit. Ich wollte andere Sportler dazu bringen, aufzustehen und ihre Stimme zu erheben. Meine Hoffnung war, dass Mitglieder der Nationalteams öffentlich aussagen, gegen die alten Trainer und das alte System, das nach wie vor existiert. Was als „Russische Leichtathletik“ bekannt ist, ist einfach ein Grauen. Ich wollte, dass die Athleten mir zustimmen, mich nicht als Lügner hinstellen. Sie sollten ebenfalls fordern, die alte Trainergarde abzusetzen. Ich hatte mir Unterstützung von anderen Sportlern und Trainern erhofft. Doch alle haben weiter geschwiegen, zumindest öffentlich. Privat dagegen habe ich von Vielen Unterstützung bekommen, viele haben mir persönlich geschrieben.

Seppelt: Und wie haben die Medien reagiert?

Dmitriev: Das Staatsfernsehen hat tonnenweise negatives Zeug berichtet über mich. Einige Journalisten haben sogar meine Großeltern besucht, sie sind beide über 90, und haben ihnen Lügen erzählt: Über die angeblich wahren Beweggründe, warum ich mit solchen Sachen an die Öffentlichkeit gehe. Ich hatte mich ohne Zweifel in Gefahr gebracht und war auf mich allein gestellt. Und in Russland weißt du nie, was dir zustoßen kann. Wir haben politische Gefangene und Journalisten, die umgebracht werden, überall.

Seppelt: Sind Sie bedroht worden?

Dmitriev: Es gab einen sehr seltsamen Moment. Ich habe mir vorher nie etwas zu schulden kommen lassen. Aber ich habe mich auch nie beim Rekrutierungsbüro der Armee gemeldet. Die Armee wiederum hat sich nie für mich interessiert, sie haben mich niemals versucht, einzuziehen. Doch plötzlich standen sie bei mir vor der Tür, gleich nach dem ARD-Interview. Ich bin mir sicher, dies war kein Zufall.

Seppelt: Was passierte genau?

Dmitriev: Es war im Januar. Ich hielt mich zu dieser Zeit in einem Hostel auf. Aus welchen Gründen auch immer, wussten sie dies. Sie kamen ohne Vorwarnung, wollten mir den Ausweis abnehmen, haben mich attackiert und mir gedroht, mich sofort ins Gefängnis zu stecken. Zwei von ihnen haben mich festgehalten, als wäre ich ein Gangster. Sie haben mich gezwungen, eine Erklärung zu unterschreiben, dass ich mich am 27. Februar im Rekrutierungsbüro einfinden werde. Ich hatte keine Wahl. Ich hätte sinnlos den Helden spielen und ins Gefängnis gehen können, aber das hätte niemandem etwas genützt.

Seppelt: Sind Sie von russischen Ermittlern aufgefordert worden, Beweise zu erbringen?

Dmitriev: Ich musste zu einer Ermittlungsbehörde in Moskau, kurz bevor ich geflohen bin. Zu dieser Unterredung kam es gegen meinen Willen. Dies war am 6. März, in den Büros eines staatlichen Ermittlungskomitees. Die Ermittlerin war sehr grob, sie hat mir überhaupt nicht zugehört, sondern mich die meiste Zeit angebrüllt. Sie hat mich unterbrochen, meine Worte wiederholt, aber aus dem Zusammenhang gerissen und die Aussage verfälscht. Dabei erhob sie ihre Stimme, fragte mich: „Wie geht es Ihnen jetzt damit, ein Spitzel zu sein? Wissen Sie, dass wir in Russland keine Spitzel mögen? Wie leben Sie jetzt damit? Wie vereinbaren Sie es mit ihrem Gewissen, dass Sie jetzt ein Spitzel sind? Sind Sie jetzt zufrieden?“ Sie verteidigte das System, dafür beschuldigte sie die anderen russischen Whistleblower, die Stepanovs und Grigory Rodchenkov. Unterm Strich hat sie mich wie einen Verräter behandelt, wie einen Kriminellen - obwohl ich eigentlich für eine Zeugenaussage bestellt worden war. Sie fragte mich auch, auf welchem Weg ich die ARD kontaktiert hatte und warum. Auch nach den Kontaktdaten von ARD-Mitarbeitern, aber ich habe mich geweigert, sie zu nennen - dies gefiel ihr auch überhaupt nicht. Schließlich haben sie mich dazu gezwungen, eine Aussage zu unterschreiben. Es waren zwar meine Worte, aber sie waren in einen anderen Zusammenhang gesetzt oder irreführend.

Seppelt: Haben Sie Unterstützung von der neuen Führung der RUSAF bekommen, dem russischen Leichtahtletik-Verband?

Dmitriev: Das Problem ist: Die RUSAF-Exekutive hat nicht genügend Macht, um mich zu schützen. Denn auf der anderen Seite gibt es auch das Sportministerium, dem die RUSAF direkt unterstellt ist.

Seppelt: Und RUSADA, Russlands Anti-Doping-Behörde?

Dmitriev: Da kam nichts. Yelena Isinbayeva ist zur Vorsitzenden des Rusada-Aufsichtsrates gewählt worden. Sie hat immer alles geleugnet, stattdessen hat sie die WADA attackiert und westliche Medien. Es ist offensichtlich: Mit ihren dummen, öffentlichen Äußerungen über eine angebliche Verschwörung bringt sie Russland keinen Schritt voran.

Seppelt: Haben Sie Unterstützung von Funktionären aus anderen Ländern erfahren?

Dmitriev: Ja, von der WADA und vom IAAF. Sie sind auf mich zugekommen und haben mich unterstützt. Sie haben mir zugesagt, dass sie russische Behörden mit meinem Fall konfrontiert haben. Ich weiß nicht, was am Ende dabei herauskommt. Aber die Hauptsache für mich ist, dass ich aus Russland weg bin, nun habe ich meine Angst mehr. Und ich bin entschlossen, alles dafür zu tun, dass ich nicht mehr nach Russland zurückkehren muss.

Das Gespräch führte Hajo Seppelt

Stand: 18.03.2017, 13:31

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