Skilanglauf - Medaillengewinner unter Manipulationsverdacht

Geheimsache Doping

Skilanglauf - Medaillengewinner unter Manipulationsverdacht

Von Hajo Seppelt und Edmund Willison

Eine Datenbank mit mehr als 10.000 Bluttests von fast 2000 Langläufern offenbart eine ungewöhnliche Häufigkeit verdächtiger Blutwerte - auch bei Medaillengewinnern von Olympischen Spielen und Weltmeisterschaften seit 2001. Eine natürliche Ursache dafür ist aus Sicht von Experten in den meisten Fällen sehr unwahrscheinlich.

Eine vertrauliche Datenbank mit mehr als 10.000 Bluttests von fast 2.000 Langläufern wurde einem Netzwerk investigativer Journalisten aus der ARD-Dopingredaktion, der britischen "Sunday Times", dem schwedischen Fernsehen "SVT" und dem Schweizer Digitalmagazin "Republik" zugespielt.

Die Daten stammen aus den Jahren 2001 - 2010 und sind den Journalisten von einem Whistleblower zur Verfügung gestellt worden. Viele Athleten aus der Liste sind noch heute aktiv und haben auch nach 2010 etliche Medaillen bei sportlichen Großereignissen gewonnen.

Eine umfassende Analyse der Daten offenbart: Zwischen einem Drittel und 46 Prozent aller Medaillen im Skilanglauf bei Olympischen Spielen und Weltmeisterschaften zwischen 2001 und 2017 wurden von Athleten gewonnen, die laut der Datenbank ein- oder mehrmals auffällige Blutwerte hatten.

313 Medaillen unter Verdacht

Damit stehen insgesamt 313 Medaillen unter Verdacht, von Athleten gewonnen worden zu sein, die in ihrer Laufbahn unerlaubte Methoden anwendeten. Experten zufolge liegt die Wahrscheinlichkeit einer anderen Ursache als Doping für diese auffälligen Blutwerte bei einem Prozent oder darunter. Das Interessante ist: Unter Langläufern, die nicht aufs Podium gelangten, ist der Anteil abnormaler Blutwerte deutlich geringer.

Die Daten zeigen: Mehr als 50 Skilangläufer auf der Qualifikationsliste für Südkorea zeigten bei Bluttests mindestens einen auffälligen Wert, der nahelegt, dass sie in der Vergangenheit betrogen haben könnten und ohne Sanktion davongekommen sind. 

Drängende Fragen vor Südkorea

Nachdem das volle Ausmaß des staatlich geförderten Dopings russischer Athleten bei den Winterspielen von Sotschi 2014 öffentlich geworden war, sollten die kommenden Spiele in Südkorea ein Neuanfang für saubereren Sport sein.

Wenige Tage vor der Eröffnungszeremonie in Pyeongchang werfen diese Enthüllungen drängende Fragen auf, wie häufig Doping im Skilanglauf über Jahre verbreitet war.

Experte: Analyse deutet auf Doping-Verbreitung

Die ARD-Dopingredaktion wandte sich an zwei führende Ärzte aus dem Anti-Doping-Bereich, um das Ausmaß von Doping im Skilanglauf jener Jahre einzuschätzen. Die Experten analysierten die Blutwerte der Medaillengewinner im Skilanglauf, die auffällige Blutwerte zeigten. 

James Stray-Gunderson, ein amerikanischer Arzt, der vor vielen Jahren für Blutdoping-Expertisen mit dem Internationalen Skiverband (FIS) zusammenarbeitete, sagte nach der Analyse: "Es gibt eine beachtliche Zahl von Medaillengewinnern mit ungewöhnlichen oder höchst ungewöhnlichen Blutprofilen. Das deutet auf beachtliche Verbreitung von Doping im Skilanglauf hin." 

Der Weltskiverband FIS hatte bis 2010 kein sportrechtlich anerkanntes Instrument zur Hand, auf Basis der Blutwerte Doping-Verfahren einzuleiten. Erst 2010 wurde der so genannte Biologische Pass im Anti-Doping-Regelwerk eingeführt. Mit diesem Instrument haben Sportverbände die Möglichkeit, mithilfe der Analyse von Blutwerten Verfahren einzuleiten und nach Bestätigung durch Experten Athleten zu bestrafen.

Die Ergebnisse der Analyse der Blutwerte sind dennoch erschütternd: Ein Drittel aller Medaillen bei Olympischen Spielen und Weltmeisterschaften während der vergangenen 16 Jahre wurde von Skilangläufern und Skilangläuferinnen gewonnen, deren Bluttestergebnisse von mindestens einem Experten als "wahrscheinlich gedopt" oder "verdächtig" eingestuft wurden. 

Sportler aus Russland, Norwegen, Schweden, Österreich und Deutschland unter Verdacht

Wenig überraschend: Die größte Anzahl an Athleten mit verdächtigen Werten stammt aus Russland. Doch andere erfolgreiche Skilanglaufnationen sind ebenso vertreten: Langläufer aus Norwegen, Schweden, Österreich und Deutschland sowie weiteren traditionellen Wintersportländern sind mit auffälligen Blutwerten in der Liste zu finden, darunter etliche Medaillengewinner. 

Das Ausmaß dieser brisanten Fakten wirft einen Schatten auf die Olympischen Winterspiele. Denn es dürften in Südkorea Skilangläufer am Start sein, die sich dem Anti-Doping-System zumindest eine Zeit lang erfolgreich entzogen haben.

Stand: 04.02.2018, 09:30

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