IOC reagiert auf schockierenden McLaren-Report

Abschlussbericht zu Doping in Russland

IOC reagiert auf schockierenden McLaren-Report

Russland steht wegen ungeheuerlicher Dopingvorwürfe erneut am Pranger - angesichts umfassender neuer Enthüllungen droht nun womöglich sogar der komplette Ausschluss von den Olympischen Winterspielen 2018 in Pyeongchang. Das IOC kündigt Nachtests an.

Mehr als 1000 russische Sportler sind nach Ermittlungen der Welt-Anti-Doping-Agentur zwischen 2011 und 2015 Teil einer großangelegten staatlichen Dopingpolitik gewesen. Dies teilte WADA-Chefermittler Richard McLaren bei der Vorstellung seines zweiten Berichts am Freitag (09.12.16) in London mit.

"Das russische Team hat die Spiele von London in einer Weise korrumpiert, die nie dagewesen ist. Das ganze Ausmaß dessen wird wohl nie bekannt werden", sagte der Rechtsprofessor aus Kanada auf einer Pressekonferenz. Namen von Athleten wurden in dem Bericht nicht genannt. Die Manipulationen betreffen demnach die Olympischen Spiele 2012 in London, die Universiade und die Leichtathletik-WM 2013 sowie die Winterspiele 2014 in Sotschi. "Das Austauschen von Doping-Proben hat nicht mit der Schlussfeier der Olympischen Winterspiele in Sotschi aufgehört", bemerkte McLaren.

Gemeinsame Sache mit Offiziellen

Die Athleten sollen entweder selbst gedopt haben oder von "der systematischen und zentralisierten Vertuschung und Manipulation des Dopingkontrollprozesses profitiert" haben. Auf Seite 1 des 95-seitigen Bericht des kanadischen Rechtsprofessors McLaren wurde von einer "institutionellen Verschwörung" gesprochen, sowohl im Sommer- und Wintersport als auch unter behinderten Athleten. Die Sportler hätten mit russischen Offiziellen im Sportministerium und dessen Behörden wie der Nationalen Anti-Doping-Agentur RUSADA, mit dem Moskauer Kontrolllabor und dem Inlands-Geheimdienst FSB gemeinsame Sache gemacht, um Dopingtests zu manipulieren.

Wie vor den Sommerspielen in Rio de Janeiro steht das Internationale Olympische Komitee erneut vor einer wegweisenden Entscheidung. Vor allem die eigene Reputation und Glaubwürdigkeit steht auf dem Spiel. Als der erste Teil des Reports dreieinhalb Wochen vor Beginn der Rio-Spiele auf dem Tisch lag, delegierte das IOC die Einzelfallprüfung an die internationalen Sportverbände. Diese kamen ihrer Verantwortung - zumal unter Zeitdruck - aber kaum nach. Gut 280 russische Sportler durften in Brasilien teilnehmen.

Was machen Bach und das IOC?

"Professor McLarens Bericht schildert einen fundamentalen Angriff auf die Integrität des Sports", sagte jetzt IOC-Präsident Thomas Bach: "Für mich als Olympiateilnehmer sollte jeder Athlet oder Offizielle, der sich aktiv an einem solchen Manipulationssystem beteiligt hat, lebenslang von den Olympischen Spielen ausgeschlossen werden - in welcher Funktion auch immer."

Das IOC kündigte an, alle 254 Urinproben russischer Athleten von den Winterspielen 2014 in Sotschi erneut zu analysieren. Die WADA-Ermittler unter Richard McLaren hätten für entsprechende Nachkontrollen nicht das Mandat gehabt, teilte das IOC am Freitagabend in Lausanne mit. Die 63 Blutproben russischer Sportler in Sotschi seien bereits nachgetestet worden - alle waren negativ.

"Treffer ins Herz"

"Die neuen Fakten des Abschlussberichtes machen uns sprachlos", sagte Andrea Gotzmann, Vorstandschefin der deutschen Anti-Doping-Agentur NADA. Die Ergebnisse "treffen direkt in das Herz von Integrität und Ethik des Sports", urteilte das Internationale Paralympische Komitee (IPC).

Deutschlands Leichtathletik-Präsident Clemens Prokop forderte den kompletten Bann Russlands von internationalen Meisterschaften: "Die Konsequenz kann nur sein, dass der russische Sport bis zu einer glaubwürdigen Veränderung der Situation von allen internationalen Meisterschaften und Olympischen Spielen ausgeschlossen wird."

Moskau gereizt

Eine erste gereizte Reaktion aus Moskau ließ nicht lange warten. "Bis jetzt hat McLaren über Doping in Russland nichts Neues gesagt. Irgendwelche '1000 Sportler' - wo sind die Beweise und die Zeugen?", sagte Michail Degtjarjow, Chef des Sportausschusses in der Staatsduma.

Stabhochsprung-Legende Jelena Issinbajewa, neue Aufsichtsratschefin der russischen Anti-Doping-Agentur RUSADA, versuchte den Blick auf das globale Dopingproblem zu lenken. "Wir wissen, dass viele ausländische Sportler mit Dopingvergangenheit an internationalen Wettkämpfen teilnehmen. Wenn wir im internationalen Sport aufräumen wollen, lasst uns beginnen. Aber man sollte nicht nur auf ein Land gucken."

Anders klang Dimitri Schliachtin, Präsident des international gesperrten russischen Leichtathletik-Verbandes. "Wir stimmen zu, dass es in der russischen Leichtathletik Probleme gibt und das verbergen wir nicht", sagte Schliachtin, betonte aber auch: "Wir arbeiten daran, diese Probleme so gut wir können zu eliminieren."

"Bild ist noch nicht komplett"

Die Indizien sind in der Tat erdrückend. Die Ermittler haben nach eigenen Angaben zahlreiche Interviews mit Zeugen sowie Datensätze, E-Mails und über 4000 Excel-Dokumente ausgewertet. Und das alles scheint nur die Spitze zu sein. "Das Bild ist noch nicht komplett. Wir hatten nur Zugriff auf einen kleinen Teil der Daten und des Beweismaterials, das möglicherweise existiert", sagte McLaren.

Cheftrainer des Nationalteams seien dafür bezahlt worden, dass sie leistungssteigernde Mittel an die Athleten weiterverkauften, berichtete McLaren. Die RUSADA hat demnach Doping-Kontrolleure bestochen, damit sie die Athleten vor unangekündigten Tests warnen, Proben fälschen oder es den gedopten Athleten ermöglichen konnte, «saubere» Proben abzugeben.

Olympiasieger von 2014 involviert

Es seien auch Beweise dafür gefunden worden, dass Dopingproben von insgesamt zwölf Medaillengewinnern der Olympischen Winterspiele in Sotschi 2014 manipuliert worden seien. Dabei handele es sich in vier Fällen um Gewinner von Goldmedaillen.

Bereits im ersten, am 18. Juli veröffentlichen Bericht hatte McLaren Belege dafür gefunden, dass es eine Verwicklung des FSB bei der Vertuschung von Doping in Sotschi gab. Damals hatte der Kanadier nur 57 Tage für die Untersuchung Zeit - diesmal viel länger. Im Juli hatte er mitgeteilt, dass zwischen 2012 und 2015 rund 650 positive Doping-Proben russischer Athleten in rund 30 Sportarten verschwunden seien. Nun scheint alles noch viel, viel schlimmer zu sein.

sid/dpa | Stand: 09.12.2016, 12:25

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