GPS-Überwachung für Dopingkontrollen?

Schild der Dopingkontrolle in Sotschi.

Neue Wege in der Dopingbekämpfung:

GPS-Überwachung für Dopingkontrollen?

Von Hajo Seppelt, Sebastian Krause und Thilo Neumann

Das aktuelle Dopingkontrollsystem steht am Scheideweg: Datenschützer halten es für rechtswidrig, Athleten empfinden es als unpraktikabel. Nun entwickelt ein ehemaliger Leichtathlet ein Alternativmodell, das auf einem GPS-Sender beruht. Ein Schritt hin zur Totalüberwachung – oder der Beginn einer neuen Ära in der Dopingbekämpfung?

Die mögliche Revolution im weltweiten Kampf gegen Doping beginnt mit einem Kästchen, nicht größer als ein Feuerzeug. Ein GPS-Sender, Name: Eves. Er ermöglicht eine punktgenaue Ortung von Sportlern zum Zwecke von unangekündigten Dopingkontrollen, jederzeit, überall. Die Idee dazu hatte Jonas Plass, ehemaliger 400-Meter-Topläufer aus Berlin. "Durch den Einsatz eines GPS-Senders wird sichergestellt, dass der Athlet gefunden werden kann", sagt er gegenüber der ARD-Dopingredaktion.

Satellitenortung für Sportler – wie bei elektronischen Fußfesseln, die Gefährdern und Straftätern angelegt werden? Nein, sagt Plass. Denn in Zusammenarbeit mit Datenschützern und IT-Sicherheitsexperten strebe er ein Modell an, bei dem Athleten nicht permanent überwacht würden – sondern nur situativ geortet werden könnten. Plass: "Im Fall einer Dopingprobe kann einzig der Kontrolleur, der den Test durchführen soll, die aktuelle Position des Athleten abfragen." Die dabei anfallenden Daten würden zeitnah nach einer erfolgten Kontrolle wieder gelöscht werden.

Unter dem Projektnamen Paradise entwickelt Plass derzeit seine Vision eines Dopingkontrollsystems; gefördert vom Bundesforschungsministerium, zusammen mit Partnern aus Wirtschaft und Wissenschaft wie dem Fraunhofer-Institut und der TU Berlin. Der GPS-Sender Eves soll eine Alternative oder Ergänzung zu ADAMS bilden, dem aktuellen, internationalen Online-Meldesystem, betrieben von der Welt-Anti-Doping-Agentur (WADA), verwendet auch von der deutschen Nationalen Anti-Doping-Agentur (NADA).

Momentan müssen tausende deutsche Spitzensportler in ADAMS ihre Aufenthaltsorte eintragen, für jeden Tag, drei Monate im Voraus. Jede Reise, jeder Standortwechsel muss angegeben werden. Anhand dieser Informationen planen Kontrolleure unangekündigte Dopingtests, für die sie die Athleten außerhalb von Wettkämpfen aufsuchen – beim Training, zu Hause, unterwegs.

Ein Modell, das seit Jahren kritisiert wird: Sportler bemängeln die fehlende Praktikabilität der Online-Plattform, Datenschützer halten das System für rechtswidrig. "ADAMS hat, so wie es heute betrieben wird, starke verfassungsrechtliche Probleme", sagt etwa Dr. Stefan Brink, der profilierteste deutsche Datenschutzbeauftragte im Bereich Anti-Doping. Von den Sportlern würden unter anderem unverhältnismäßig viele Daten erhoben werden, meint Brink. Zudem seien die Betroffenen nicht ausreichend darüber aufgeklärt, wer zu welchem Zweck auf die in ADAMS hinterlegten Informationen zugreifen kann.

Brink kommt daher zu einem eindeutigen Schluss: "Aus meiner Sicht kann das System so nicht fortbestehen." Bereits 2016 beriet Brink eine Gruppe von Sportlern, die die Rechtskonformität von ADAMS vor dem Bundesverfassungsgericht prüfen lassen wollte. Damals entschieden sich die Athleten aber noch gegen juristische Schritte – könnte es nun doch dazu kommen, da ein mögliches Alternativsystem in Aussicht steht?

Udo Di Fabio kennt als ehemaliger Verfassungsrichter solche Fälle. Er plädiert aber dafür, dass die Akteure im Anti-Doping-Kampf zunächst gemeinsam und außergerichtlich auf eine Lösung hinarbeiten sollten. Generell, betont Di Fabio, bedürfe es einer neuen Perspektive: "Wir brauchen eine größere Sensibilität im Umgang mit personenbezogenen Daten", sagt er. "Es kann nicht sein, dass jemand, der sich als Spitzensportler einem solchen System unterwerfen muss, wie ein Objekt wirkt. Er braucht eigene Rechte, Transparenz und womöglich auch Mitbestimmungsrechte."

Bei einigen Sportlern besteht derweil Unsicherheit darüber, wie weit sie Eingriffe in ihre Privatsphäre zum Zwecke des sauberen Sports erdulden sollen. Säbelfechter Max Hartung, als Vorsitzender der DOSB-Athletenkommission ranghöchster Interessenvertreter deutscher Sportler, äußert Unbehagen – unabhängig von der Frage, ob zukünftig weiter mit Hilfe eines Online-Meldesystems kontrolliert werden könnte oder auch per GPS. "Es darf nicht sein, dass meine Privatsphäre und die eigenen Schutzrechte über einen gewissen Punkt hinaus strapaziert werden. Das muss verhältnismäßig bleiben", sagt Hartung.

Viele Athletenkollegen sehen eine solche Verhältnismäßigkeit bei dem angedachten GPS-Sender gegeben. "Ich würde mich für das Ortungssystem entscheiden", sagt etwa Cindy Roleder, Europameisterin über 100 Meter Hürden, auf die Frage, welches Modell sie derzeit favorisieren würde. "Wir sind auch nur Menschen und vergessen manchmal, etwas in ADAMS einzutragen." Mit GPS sei man da auf der sicheren Seite. Ähnlich sieht es Bob-Weltmeister Francesco Friedrich: "Ich halte die neue Idee für eine gute, vernünftige Lösung, die uns Athleten viel Arbeit ersparen würde." Ski-Olympiasiegerin Maria Höfl-Riesch sieht bei einem Ortungssystem nicht nur Vorteile, sagt aber auch: "Der Gedanke an eine Totalüberwachung, fußfesselmäßig, ist nicht so schön. Ich würde mir aber für die Athleten wünschen, dass noch mal ein System erfunden wird, das ihre Situation ein wenig vereinfacht."

Die Entscheidung, welches System zukünftig genutzt werden könnte, liegt in der Verantwortung der Welt-Anti-Doping-Agentur und deren nationalen Unterorganisationen. NADA-Vorstand Lars Mortsiefer kann sich durchaus vorstellen, dass das Alternativmodell mit GPS-Ortung eine Chance hätte: "Ideell unterstützen wir dieses System absolut. Das ist der erste wichtige Schritt, dass man als Sportler nicht mehr nur hinnimmt, konsumiert und etwas über sich ergehen lässt, sondern dass man das, was man adressieren will, laut macht. Und das hat Jonas Plass gemacht: eine Lösung präsentiert."

Ob es Plass mit seinem GPS-Ortungssystem zur Marktreife schaffen wird, ist, entscheidet sich 2018. Neue, wichtige Impulse in der Debatte um die Zukunft des Anti-Doping-System konnte seine Idee aber bereits liefern. Wie die Recherchen der ARD-Dopingredaktion zeigten, gibt es eine breite Unterstützung im Athletenlager für Änderungen im Dopingkontrollsystem.

Stand: 26.02.2017, 12:00

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