Wie Afrikas Sporthelden verkauft werden

Der Lauf ums große Geld

Wie Afrikas Sporthelden verkauft werden

Von Hajo Seppelt und Olaf Lippegaus

Die afrikanischen Wunderläufer dominieren seit Jahrzehnten die Langstrecken. Bei den großen Marathonläufen, bei Olympischen Spielen und Weltmeisterschaften - und inzwischen sogar bei Europameisterschaften. Denn etliche von ihnen haben ihre Nationalitäten gewechselt, starten jetzt beispielsweise für die Türkei oder Aserbaidschan.

Afrikanische Athleten, die sich im Ausland verdingen, werden immer wieder mit falschen Versprechungen geködert, um Preisgelder geprellt, unter fragwürdigen Bedingungen untergebracht und von Wettkampf zu Wettkampf geschleppt. Profiteure sind Sportmanager, meist aus Europa, die sich auf Kosten der Athleten bereichern. Und wo es um Gewinnmaximierung mit der "Ware" Athlet geht, spielt häufig auch Doping eine Rolle. Die Spuren dieser gemeinsamen Recherche der ARD-Dopingredaktion mit dem britischen "Guardian" und  dem "Holland Media Combinatie" führen von Afrika bis mitten nach Deutschland.

"Mein Pass wurde in der Türkei arrangiert"

Stolz präsentiert Layesh Tsige ihre Medaillen und Pokale. Zwischen 2009 und 2015 gehörte die Äthiopierin zur internationalen Weltspitze der Mittel- und Langstreckenläuferinnen. Dennoch kennt kaum jemand ihren richtigen Namen. Denn ihre größten Siege errang die heute 26-Jährige, nachdem sie 2009 die Nationalität gewechselt hatte. Aus der Äthiopierin Layesh Tsige wurde die Aserbaidschanerin Layes Abdullayeva.

"Der Pass für Aserbaidschan wurde für mich in der Türkei arrangiert", erzählt sie. "Da musste ich nur einmal hinfliegen. Die Formalitäten waren in einer Woche erledigt. Schon kurz danach startete ich für Aserbaidschan bei einem Wettkampf." Ihre neue Heimat kannte die Athletin kaum. Nur wenige Male war sie dort. Unter anderem zum Empfang mit dem aserbaidschanischen Staatspräsidenten Alijew.

Der Vertrag mit dem Verband des Landes sollte für eine finanziell abgesicherte Zukunft sorgen, hoffte sie. Die Versprechen seien  großzügig gewesen: "Wenn wir international, bei Olympischen Spielen, Weltmeisterschaften und  Europameisterschaften erfolgreich wären, dann würde uns die Regierung ein Haus schenken oder ein teures Auto", erinnert sie sich.

Gehälter verweigert, Prämien vorenthalten

Doch es kam anders. Versprochene Gehälter seien  ihr verweigert worden, Siegprämien vorenthalten. Teure Autos oder gar Häuser – Fehlanzeige, klagt sie. Trotz sechs Medaillen bei Welt- und Europameisterschaften als aserbaidschanische Athletin Layes Abdullayeva. Nach fünf Jahren zog sie schließlich einen Schlussstrich. Layesh Tsige nahm wieder die äthiopische Staatsbürgerschaft an. Der Leichtathletik-Verband von Aserbaidschan wies auf ARD-Anfrage jede Verantwortung von sich.

Fast 500 Nationalitätenwechsel in zwei Jahrzehnten führt der Leichtathletik-Weltverband IAAF in seiner Statistik. Vor allem Läufer aus den armen Ländern Afrikas gaben ihre Staatsbürgerschaft ab für eine neue Identität. Die auffälligsten Importeure sind Nationen ohne Leichtathletik-Tradition: Bahrain, Katar, Aserbaidschan und auch die Türkei.

Bei den Europameisterschaften 2016 in Amsterdam holte das türkische Team zwölf Medaillen. Zehn davon mit eingebürgerten Athleten - allein sechs von ihnen frühere Kenianer. Der türkische Verbandspräsident kann daran nichts Anrüchiges finden: "Ländern, die Kritik äußern, sage ich: Sie sollen vor der eigenen Tür kehren. Unser Ziel ist es, so Allah will, in den kommenden Jahren in Europa unter die ersten drei und weltweit unter die ersten fünf zu kommen."

"Wer sowas erzählt, soll das bitte offenlegen"

Eigentlich haben Athleten nach einem Nationalitätenwechsel drei Jahre Startverbot - es sei denn, beide Verbände einigen sich auf einen früheren Zeitpunkt. Dabei, so wird erzählt, habe Geld schon oft geholfen. Auch den Türken.

Ein Vorwurf, den der türkische Verbandspräsident zurückweist: "Wer das behauptet, ist verpflichtet, diesen Vorwurf zu beweisen." Und weiter: "Wenn es jemanden gibt, der so etwas erzählt und der beweisen kann, dass wir an irgendeiner Stelle auch nur eine einzige türkische Lira gezahlt haben, soll das bitte offenlegen, damit wir es auch erfahren."

Der ARD liegen E-Mails vor. Ein türkischer Manager spricht darin von vierstelligen Summen, damit der „Wechsel der Staatsbürgerschaft“ vom "kenianischen Verband unterstützt und bewilligt" wird. Sogar ein "Extra-Bonus" wird in Aussicht gestellt. Auf ARD-Anfrage dazu äußert sich dieser Manager nicht.

IAAF stellt neue Regeln in Aussicht

Sebastian Coe, seit zwei Jahren Präsident des internationalen Leichtathletik-Verbandes (IAAF), erklärt, dass seine Vorgänger das Problem des Nationalitätenwechsels wohl unterschätzt haben: "Wir sind kein Sport, der sich Menschenhandel oder ein Laissez-Faire-System erlauben kann. Als gefühlt 25 Anfragen pro Tag reinkamen, war mir klar, die IAAF muss sich mit dem Problem befassen."

Erst einmal würden alle Neuanträge auf Eis gelegt, versichert die IAAF und stellt neue Regeln in Aussicht. Allerdings nicht zum ersten Mal. Bei den Leichtathletik-Weltmeisterschaften werden sich wieder viele Länder in den Erfolgen der Läufer aus Afrika sonnen.

Schon viele haben die Frage gestellt, ob bei afrikanischen Laufwundern gelegentlich mit verbotenen Substanzen nachgeholfen wurde. Auch hier spielen europäische Manager möglicherweise eine zentrale Rolle. Einer der erfolgreichsten unter ihnen ist der Holländer Jos Hermens. Er vertritt allein 110 Athleten, die bei den Leichtathletik-Weltmeisterschaften 2017 im August in London starten.

Hermens räumt Kontakte nach Freiburg ein

Auf ARD-Anfrage räumt Hermens Kontakte zur Sportmedizin des Freiburger Uniklinikums ein. Dessen früherer Mitarbeiter - der Arzt Lothar Heinrich - steht im Mittelpunkt eines der größten deutschen Dopingskandale. Er hatte zugegeben, über Jahre hinweg die Radprofis des Teams Telekom gedopt zu haben. Einige seiner Läufer hätten Freiburger Ärzte konsultiert, so Hermens auf ARD-Nachfrage. Nur niemals Lothar Heinrich.

In einem Artikel auf der Website der IAAF von 2004 klingt das allerdings anders: Für einen seiner damaligen Top-Athleten konsultiere Hermens nur die besten Mediziner, erzählte er dem Leichtathletik-Weltverband damals. Es werden Namen genannt. Einer davon ist Lothar Heinrich. Bewiesen war der Dopingverdacht gegen Heinrich damals noch nicht, aber er stand längst im Raum. Seit 1999 hatte es immer wieder Meldungen gegeben, die die Radprofis des Teams Telekom und auch Heinrich mit möglichem Doping in Verbindung brachten. Und davon will der Sport-Insider Jos Hermens nichts gewusst haben?

Zeuge widerspricht Hermens im Fall Heinrich

Die ARD-Reporter treffen einen Informanten, der erzählt, dass er lange mit Jos Hermens zusammengearbeitet hat. "Das Wichtige für Jos Hermens war nicht, Dopingmittel zu geben, sondern seine Sportler auf jemanden zu verweisen, der ihnen helfen kann. In meinem Fall war das Lothar Heinrich." Außerdem verweist der Informant, der nicht namentlich genannt werden möchte, seine Aussagen aber an Eides statt versichert,  auf Emails. Aus denen geht hervor, dass Hermens und Heinrich sich sehr wohl kennen dürften. Und der Informant berichtet von persönlichen Besuchen in der Freiburger Sportmedizin in den Jahren 2005 und 2006.

"Anfangs untersuchte Heinrich die Leichtathleten, machte Bluttests, um zu überprüfen, ob sie müde sind, Mangelerscheinungen haben. Danach gab er uns die Dopingpläne – für  EPO und Wachstumshormon. Er erklärte, wie man das ins Training integriert. Wir fuhren nach Hause und besorgten uns die Mittel selbst", erinnert er sich.

War es so? Die Sportmedizin des Freiburger Uniklinikums war für Jahrzehnte das Dopingzentrum der Bundesrepublik. Hat von dort aus tatsächlich ein Arzt die Dopingpraktiken afrikanischer Top-Läufer dirigiert? Auf Vermittlung des wohl bekanntesten Leichtathletik-Managers der Welt - Jos Hermens?

Lothar Heinrich schweigt

Es wäre ein gänzlich neues Kapitel der Freiburger Dopinggeschichte. Das Uniklinikum erklärt auf ARD-Anfrage, man wisse nichts davon, dass der damalige Angestellter Lothar Heinrich oder ein anderer Arzt afrikanische Leichtathleten behandelt hat. Es gebe dazu nichts im Archiv.

Das hieße: Was immer auch Manager Hermens und Freiburger Sportmediziner verband - der Klinikleitung blieb es demnach verborgen. Lothar Heinrich schweigt zu alledem, auch auf wiederholte Anfrage. Und Jos Hermens, der Top-Manager? Er stand schon früher im Dunstkreis von Dopingärzten. Die Frage also bleibt: War es auch im Fall Freiburg so? Mit afrikanischen Läufern?

Stand: 03.08.2017, 22:06

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