Geheimsache Doping

Brasiliens schmutziges Spiel

Hajo Seppelt, Florian Riesewieck und Thilo Neumann

Rekordweltmeister, Olympiasieger: Brasilien, Land des Fußballs. Doch was steckt hinter den Leistungen der Seleção? Ein Jahr vor der WM 2018 offenbaren Recherchen der ARD-Dopingredaktion mögliche Verbindungen eines obskuren Dopingarztes weit in den brasilianischen Spitzenfußball hinein. 

Die Schattenseite des brasilianischen Fußballs offenbart sich am Ende einer staubigen Sackgasse, zwei Autostunden nordwestlich von São Paulo: Hier, in Piracicaba, praktiziert Júlio César Alves - ein Dopingarzt. Geheim gedrehte Aufnahmen der ARD-Dopingredaktion belegen die obskuren Behandlungsmethoden des Mediziners: Alves verschreibt gesunden Sportlern hochwirksame, verbotene Dopingmittel – und hilft nach eigener Aussage seinen Patienten dabei, Dopingtests zu manipulieren. Alves behauptet, dutzende Topsportler, darunter auch aktuelle brasilianische Fußball-Nationalspieler, würden von ihm medizinisch betreut werden.

Patient Roberto Carlos?

Unter Alves‘ Patienten befand sich einst womöglich auch einer der bekanntesten Spieler des brasilianischen Fußballs überhaupt: Roberto Carlos, Weltmeister von 2002 und dreifacher Champions-League-Sieger. Der Name des Weltstars steht in einem Dossier, das die brasilianische Anti-Doping-Agentur ABCD 2015 an die Staatsanwaltschaft von São Paulo übergab. Der mehr als 200 Seiten starke Bericht, der der ARD-Dopingredaktion vorliegt, dokumentiert detailliert die zweifelhaften Praktiken von Júlio César Alves. Enthalten ist auch die Aussage eines Zeugen, der vorgibt, "im Juli 2002 Roberto Carlos, den damaligen Spieler der brasilianischen Fußball-Nationalmannschaft", in der Praxis von Alves gesehen zu haben.

Geheimsache Doping - Brasiliens schmutziges Spiel | Sportschau | 10.06.2017 | 42:32 Min. | Verfügbar bis 10.06.2018 | Das Erste

Ein weiteres Indiz: Als Reporter der ARD den Arzt im Mai 2017 unter einem Vorwand kontaktieren und sich als Manager von europäischen Profifußballspielern ausgeben, nennt Alves von sich aus den Namen Roberto Carlos. Alves behauptet, Carlos sei Patient bei ihm gewesen, habe mehrere Substanzen verabreicht bekommen. Aussagen, die der Arzt später auf offizielle ARD-Anfrage nicht weiter kommentieren wird – Alves schweigt zu den Vorwürfen. 

Carlos meldet sich spät zu Wort

Roberto Carlos äußerte sich im Vorfeld auf offizielle ARD-Anfrage nicht zu den gegen ihn im Raum stehenden Anschuldigungen. Sein Management teilte mit, Carlos werde auf die ihm gestellten Fragen nicht reagieren. Nach Veröffentlichung des Berichts nahm Carlos allerdings in einem offenen Brief Stellung und wies den Verdacht zurück: "Ich bestreite vehement die von der ARD gemachten Anschuldigungen und bekräftige, dass ich niemals auf Mittel zurückgegriffen habe, die mir einen Vorteil gegenüber meinen Kollegen hätten verschaffen können."

Unabhängig vom Fall Roberto Carlos: Dass Doktor Alves offenbar Sportler mit Dopingmitteln versorgt, ist in Brasilien eigentlich seit Jahren bekannt. Bereits 2002 und 2013 prahlte Alves öffentlich mit seinem vermeintlichen Kundenstamm aus Olympiateilnehmern und Fußball-Nationalspielern. Er behauptete im brasilianischen Fernsehen, Sportler mit Dopingsubstanzen zu behandeln. Und damit nicht genug: Gegenüber den als Sport-Manager getarnten ARD-Reportern sprach Alves vor wenigen Wochen gar von Kinder- und Jugenddoping. Er behandele bereits 13- und 14-jährige Nachwuchssportler mit Wachstumshemmern, um die Pubertät zu verzögern. Dann baue er die Muskeln der Heranwachsenden auf, mit Doping. 

Medizinier praktiziert ungestört weiter

Trotz solcher Aussagen: Der Arzt praktiziert bis heute ungestört weiter. "Wir konnten kein sportdisziplinarisches Verfahren eröffnen, weil er keinem Sportverband angehört", sagt Luís Horta, der bis 2016 im Auftrag der Vereinten Nationen die brasilianische Anti-Doping-Agentur beriet. Daher habe er zusammen mit dem damaligen ABCD-Leiter Marco Aurelio Klein Beweise und Indizien gesammelt, die sie dann an die Staatsanwaltschaft übergaben. "Bis heute ist aber nichts passiert, Alves kann weiter offen Sportler mit Dopingmitteln behandeln", sagt Horta. 

Ernsthafte Bemühungen, den Kampf gegen Doping zu führen, scheint es im Land des Fußball-Rekordweltmeisters erkennbar nicht zu geben. Auf ARD-Anfrage teilt die Staatsanwaltschaft von São Paulo mit, die Unterlagen der ABCD an die Polizei weitergeleitet zu haben – zum aktuellen Stand der Ermittlungen kann sie aber keine Angaben machen. Unterdessen kann Alves weiter praktizieren.

Leichtathletin gibt Details preis

Eliane Pereira, ehemalige brasilianische Topläuferin, war einst bei Alves in Behandlung. Sie behauptet, der Arzt habe sie gedopt, teilweise ohne ihr Wissen. Zudem habe er ihr Tipps gegeben, wie sie Dopingproben manipulieren könne, um nicht aufzufliegen. Sie erinnert sich an Kontrollen, bei denen sie unbeachtet von den Aufsehern ihre Urinprobe verfälschte: "Ich schmierte mir eine bestimme Salbe in den Intimbereich. Dann pinkelte ich, mein Urin vermischte sich mit der Salbe und schon war der Dopingtest manipuliert." Den Ratschlag habe sie von Alves erhalten. Zu diesen Vorwürfen äußerte sich Alves auf offizielle ARD-Anfrage ebenfalls nicht.

Auch im brasilianischen Fußball hätten Betrüger leichtes Spiel. So schildert es zumindest ein ehemaliger Dopingkontrolleur des nationalen Fußballverbands CBF. Grund sei vor allem die mangelnde Ausbildung des zuständigen Personals. "Ich schätze, vielleicht fünf Prozent der Kontrolleure sind überhaupt für den Job qualifiziert", behauptet der Mann, der sich anonym äußert. Aus Angst vor Repressalien, wie er vorgibt. "Der Rest, das sind Autoverkäufer, Physiotherapeuten, Holzarbeiter, Wanderarbeiter. Das geht nur über persönliche Beziehungen."

Regelmäßige Verstöße?

Bei Kontrollen in den höchsten brasilianischen Fußballligen komme es regelmäßig zu eklatanten Regelverstößen, so der Informant. "In Brasilien kann der Athlet, wenn er möchte, oftmals sogar vor der Kontrolle duschen gehen. Dabei könnte er unbemerkt Wasser lassen und so den Urin mit Dopingspuren loswerden", erklärt er. Auch Reportern der ARD-Dopingredaktion fallen bei einem Spiel des aktuellen brasilianischen Meisters Palmeiras mehrere Vergehen gegen international geltende Anti-Doping-Richtlinien auf. Der Kampf gegen Doping, in Brasilien eine Farce?

Die Beschaffung von Dopingmitteln wird Betrügern in Brasilien leicht gemacht: Wer nicht teure Honorare für Doping-Ärzte wie Júlio César Alves bezahlen will, kann in Apotheken oder bei Straßendealern EPO und Anabolika kaufen – schnell, einfach und praktisch, wie Lockvogel-Aufnahmen der ARD-Dopingredaktion belegen. Viele der Präparate stammen aus Paraguay, aus der ersten bekannten, legal betriebenen Produktionsfirma weltweit fast ausschließlich für Dopingmittel – in der die ARD undercover recherchierte. Ein Mitglied der Geschäftsführung behauptet, festgehalten von versteckten Kameras: Auch Mitarbeiter brasilianischer Fußballvereine seien unter den Kunden, was die Firma auf offizielle ARD-Anfrage allerdings dementierte.

Ein Jahr vor der Fußball-WM in Russland liegt über den brasilianischen Triumphen von einst ein Schatten. Das jogo bonito, das schöne Spiel – ist anscheinend auch ein schmutziges.