Etlichen russischen Athleten droht Doping-Sperre

Geheimsache Doping

Etlichen russischen Athleten droht Doping-Sperre

Von Hajo Seppelt und Daniel Bouhs

Nach den Enthüllungen in den ARD-Dokumentationen "Geheimsache Doping" reagiert der Weltleichtathletikverband IAAF: Acht russischen Athleten und Funktionären, darunter mehrere Olympiasiegern, drohen nach "Sportschau"-Informationen teils lebenslange Sperren. Dazu kommen neue positive EPO-Befunde. Deutsche Top-Athleten starten unterdessen eine Transparenzkampagne und fordern eine Total-Reform des Weltverbandes.

Doping

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Der russische Leichtathletikverband hat dieser Tage höchst unerfreuliche Post erhalten. Wie die "Sportschau" erfahren hat, fordert der Weltleichtathletikverband IAAF den nationalen Verband auf, Stellung zu Dopingvorwürfen gegen acht Spitzenathleten und Funktionäre zu nehmen, die entweder Doping-Mittel verteilt oder genommen haben sollen. Kann der russische Verband die in Video- und Audioaufnahmen festgehaltenen Vorgänge nicht entkräften, soll er die Betroffenen nach den IAAF-Statuten zügig sperren. Dabei droht vier Athleten wie der Olympiasiegerin Maria Savinova eine vierjährige weltweite Wettkampf-Sperre, vier weiteren Personen wie Chefmediziner Sergej Portugalov droht sogar eine lebenslange Sperre. Zudem dürften den Athleten etliche Titel und Medaillen aberkannt werden.

Lange Liste möglicher Sperren

Der russische Leichtathletikverband soll - wenn er die Vorwürfe nicht entkräften kann - diese Athleten für mindestens vier Jahre für alle Wettkämpfe weltweit sperren:

- 800-Meter-Olympiasiegerin Maria Savinova
- 800-Meter-Olympia-Dritte Ekaterina Poistogova
- 800-Meter-Nachwuchshoffnung für Olympia 2016 Anastazia Bazdireva
- 800-Meter-Nachwuchshoffnung für Olympia 2016 Kristina Ugarova

Eine lebenslange Sperre droht Chefmediziner Sergej Portugalov, Verbandstrainer Alexej Melnikov, 800-Meter-Trainer Vladimir Kazarin und Trainer Vladimir Mochnev.

In der russischen Leichtathletik gibt es jetzt noch weiteren Ärger: Informationen der "Sportschau" zufolge sind vor kurzem erneut Athleten aus dem berüchtigten Geher-Zentrum in Saransk aufgeflogen. Bei allein sechs Gehern haben Tests erst im Juli 2015 einen positiven Epo-Befund erbracht. Russlands Sportminister Vitaliy Mutko wies die Dopingvorwürfe gegen Russland auch in den vergangenen Tagen wie gewohnt zurück.

Deutsche Athleten veröffentlichen Blutwerte

Unterdessen geben deutsche Athleten im Angesicht der jüngsten Doping-Entwicklungen ihre Zurückhaltung auf. Der Geher André Höhne, der inzwischen Trainer ist, erklärte im "Sportschau"-Interview: "Ich komme langsam in Erklärungsnot vor den Kindern und Eltern." Er könne jedenfalls nur noch schwerlich dafür werben, Wettkämpfe zu bestreiten und sich fair zu messen. "Es muss sich grundlegend etwas innerhalb der IAAF ändern. Vielleicht müssen auch ein paar Personen ausgetauscht werden - definitiv", sagte Höhne und forderte zugleich ein Ende übersteigerter Erwartungen in der deutschen Leichtathletik: "Wenn ich sehe, dass sich Qualifikationszeiten an der Weltbestenliste orientieren, dann ist das für mich ein Riesenproblem, weil die Athleten bei uns in Deutschland in vielen Disziplinen fast schon gar keine Chance mehr haben."

Gemeinsam mit anderen Athleten wie dem Olympiasieger im Diskuswerfen, Robert Harting, hatte sich Höhne bereits einige Tage zuvor in einem Youtube-Video für eine grundlegende Reform der IAAF stark gemacht ("Ihr habt meine Kindheitsträume zerstört"). In der "Sportschau" starten sie nun auch eine Transparenz-Offensive: Harting, Höhne und der 800-Meter-Läufer Robin Schembera haben der ARD ihre Blutwerte zur Veröffentlichung freigegeben. Sie stammen aus der geheimen Datenbank der IAAF, die ARD und "Sunday Times" gemeinsam mit den Experten Michael Ashenden und Robin Parisotto ausgewertet haben. "Wenn eindeutig ist, wie wir arbeiten, und das an unserem Innersten zu erkennen ist - ist doch gar keine Frage, dass man das irgendwie zeigen kann", sagte Harting der "Sportschau".

IAAF-Quelle: Auffällige Tests haben oft kaum Konsequenzen

Wie schwer es die IAAF mitunter hatte, als sie Doping-Verdächtigungen tatsächlich konsequent nachgehen wollte, berichtet eine Person der "Sportschau", die früher für die IAAF in diesem Bereich gearbeitet hat. Kurz vor der WM 2011 seien die Kontrolleure bei Tests im Athletendorf in Daegu auf zahlreiche Werte gestoßen, die ein möglicher Indikator für Doping sind. Über die Häufung seien sie "zunächst richtig schockiert" gewesen.

Die IAAF habe sich danach "alle Mühe gegeben", Dopern auf die Schliche zu kommen. Bei dem Versuch, die auffälligen Athleten nach der WM in deren Heimatländern mit weiteren Kontrollen zu überraschen, seien die Kontrolleure indes auf "logistische und rechtliche Probleme" gestoßen. Außerdem habe für weitere Doping-Kontrollen oft Geld gefehlt. Die IAAF reagierte auf Fragen der ARD dazu nicht.

Studie: Bis zu 45 Prozent der Top-Leichtathleten dopen

Eine von der IAAF unter Verschluss gehaltene Studie, über die bislang nur vereinzelt berichtet wurde und deren Inhalte vom Weltverband nie bestätigt wurden, liegt der "Sportschau" vollständig vor. Sie zeigt, wie wirkungslos die Dopingkontrollen offensichtlich sind. Während den Angaben der Welt-Anti-Doping-Agentur WADA zufolge in der Leichtathletik lediglich - je nach Lesart - maximal 1 bis 2 Prozent aller Doping-Tests von akkreditierten Laboren positive oder zumindest auffällige Werte liefern, zeichnet die bisher unveröffentlichte Studie ein ganz anderes Bild: Bei einer anonymen Befragung während der Weltmeisterschaften 2011 in Daegu erklärten mindestens 29 Prozent der teilnehmenden Athleten, in den zwölf Monaten vor der WM gedopt zu haben. Bei den Panarabischen Spielen in Doha im selben Jahr räumten sogar mindestens 45 Prozent der Befragten Doping in der Wettkampfvorbereitung ein.

Die Universität Tübingen, die an der Erhebung mit beteiligt war, erklärte nun, dass die IAAF die Publikation der Studie seit zwei Jahren verhindere. Ein Sprecher der Universität sagte, dies sei ein "schwerwiegender Eingriff in die Publikationsfreiheit". Die IAAF erklärte auf Nachfrage, sie sei in dieser Sache mit den Wissenschaftlern im Gespräch.

Nachtests von Berliner WM liefern zusätzliche Fälle

Nach Informationen der ARD-Dopingredaktion hat es im Jahr 2013 bei 20 Nachkontrollen von Dopingproben der Teilnehmer der Leichtathletik-WM 2009 in Berlin drei positive Dopingtests gegeben. Wie eine E-Mail aus IAAF-Kreisen an die Welt-Anti-Doping-Agentur belegt, wurden bei den Analysen mit verfeinerten Nachweismethoden die Dopingklassiker Stanozolol und Oral-Turinabol entdeckt - bei einem Athleten sogar beide Substanzen im Urin aufgespürt. Drei positive Tests von 20 - im Schnitt also jeder siebte Test ein Treffer. Wie viele Nachtests es von Dopingproben 2009 insgesamt gegeben hat, ist bislang unbekannt. Wahrscheinlich aber ist: Gäbe es mehr Nachtests, gäbe es wohl noch mehr positive Dopingtests von der WM 2009 in Berlin.

ard | Stand: 16.08.2015, 11:28

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