"Heuchelei und Lügen" - Neuer Whistleblower belastet russische Leichtathletik

Doping in Russland

"Heuchelei und Lügen" - Neuer Whistleblower belastet russische Leichtathletik

Von Hajo Seppelt, Florian Riesewieck und Thilo Neumann

Ein neuer Whistleblower erhebt gegenüber der ARD-Dopingredaktion schwere Vorwürfe gegen Russlands Leichtathletik. Geheim gedrehte Videoaufnahmen stützen den Verdacht: Gesperrte Dopingtrainer arbeiten weiter im Profisport, anscheinend ungestört.

Andrey Dmitriev weiß, dass er sich mit seinen Aussagen keine Freunde machen wird in seiner Heimat. Doch der russische 1.500-Meter-Läufer will reden. "Wenn du immerzu schweigst, wie es in Russland üblich ist, dann wird sich nichts ändern", sagt Dmitriev im ARD-Exklusivinterview. Er sei bereit, als Whistleblower zu fungieren, denn: Nichts habe sich geändert in der russischen Leichtathletik.

Und Dmitriev liefert Belege. Wie schon Yuliya und Vitaly Stepanov, die ersten Whistleblower der russischen Leichtathletik, filmte Dmitriev mit versteckter Kamera. Auf den Bildern, aufgenommen am 12. Januar 2017, ist Vladimir Kazarin zu sehen, einer der erfolgreichsten 800-Meter-Trainer der Welt - und derzeit wegen Dopingpraktiken weltweit suspendiert. Kazarin steht in einer Sporthalle im russischen Tscheljabinsk, beim Training von 400-Meter-Spitzenläufer Artem Denmukhametov. "Er tut, was er immer getan hat. Er trainiert weiter. So ist das einfach", sagt Dmitriev bei einem Treffen im kasachischen Almaty.

"Da wird ein Wandel vorgetäuscht, den es gar nicht gibt"

Schon bei einem Trainingslager in Kirgisistan im November 2016 habe er Kazarin gesehen; den Mann, der auch schon die Whistleblowerin Yuliya Stepanova mit Dopingmitteln versorgt und 800-Meter-Olympiasiegerin Mariya Savinova trainiert hatte. Letztere bekam ihre Goldmedaille nachträglich aberkannt - wegen Dopings. Der russische Leichtathletikverband (RusAF) ordnete im April 2016 seine Regionalverbände an, die Zusammenarbeit mit Kazarin einzustellen - ohne Wirkung, so scheint es. Für Andrey Dmitriev steht daher fest: "Wenn du behauptest, dass wir uns ändern, dann aber diese Leute einfach weitermachen - das ist doch Heuchelei, das sind Lügen. Da wird ein Wandel vorgetäuscht, den es gar nicht gibt."

Vladimir Kazarin zusammen mit 800 Meter-Läuferin Mariya Savinova bei den Olympischen Spielen in London 2012.

Vladimir Kazarin zusammen mit 800 Meter-Läuferin Mariya Savinova bei den Olympischen Spielen in London 2012.

Schließlich sei Kazarin nicht der Einzige, der trotz Dopingpraktiken weiterarbeite. Dmitriev nennt gegenüber der ARD weitere Namen von Toptrainern der russischen Leichtathletik, die noch immer aktiv seien. "Die arbeiten ganz sicher mit Doping. Sie können gar nicht ohne Doping trainieren", sagt Dmitriev. Kazarin sei demnach "nicht der dickste Fisch" unter ihnen. "Ich sehe, dass die Trainer, die ganz sicher mit Doping gearbeitet haben, immer noch da sind. Und die Sportler, von denen ich weiß, dass sie gedopt haben, die trainieren weiter mit ihnen."

Vladimir Kazarin selbst äußerste sich gegenüber der ARD nicht zu den erhobenen Vorwürfen, ebenso wie alle der von Andrey Dmitriev genannten Trainer und Sportler. Auch der russische Verband schwieg auf ARD-Nachfrage.

Weltverband alarmiert

Der Leichtathletik-Weltverband zeigt sich angesichts dieser neuen Entwicklungen indes alarmiert. IAAF-Generaldirektor Olivier Gers bestätigt gegenüber der ARD: "Wenn auf den Videobildern wirklich dieser gesperrte Trainer zu sehen ist, hat RusAF die dem Verband auferlegten Kriterien für die Wiederzulassung nicht eingehalten. Dies wäre aber notwendig gewesen, um die Suspendierung des russischen Verbandes aufzuheben." Ob unter diesen Voraussetzungen der russische Leichtathletikverband wieder zugelassen werden kann, müsse jetzt die eingesetzte Taskforce der IAAF entscheiden, so Gers. Die Taskforce reist am Montag nach Moskau, um sich mit den Verantwortlichen zu treffen. Der Fall Kazarin wird dabei angesichts der neuen Enthüllungen ein wichtiges Thema sein. 

Das ganze Interview mit Andrey Dmitriev

Andrey Dmitriev war 2009 im russischen Junioren-Nationalkader, bevor er für fünf Jahre in die USA ging und dort studierte - an einer Militär-Fachhochschule in Virginia. Heute lebt er als Profisportler in Russland - und will auch nach seinem jetzigen Gang an die Öffentlichkeit das Land nicht verlassen: "Ich möchte in Russland bleiben und mithelfen, das Problem zu lösen."

Younger: "Unheimlich mutig"

Günter Younger, Chefermittler der Welt-Anti-Doping-Agentur (WADA), findet "unheimlich mutig", dass Dmitriev sich nun mit seinen Aussagen vorgewagt hat. "Wir werden natürlich mit ihm Kontakt aufnehmen und mit ihm reden und versuchen, mit ihm gemeinsam eine Möglichkeit zu finden, wie er sich schützen kann", so Younger im ARD-Interview.

Whistleblower Dmitriev sagt, er selbst habe nie zu illegalen Mitteln gegriffen. Seine Einstellung: "Wenn ich ein bisschen langsamer laufe, aber dabei sauber bin, ist das besser als auf unsaubere Art schneller zu sein." Er schätzt, dass er damit in der russischen Leichtathletik in der Minderheit ist. "Es dopen vielleicht 70, 80 Prozent", so seine Einschätzung. "Ich bin mir aber sicher, dass es saubere Athleten gibt, auch im Nationalteam." Doch diese würden schweigen, genau wie ein Großteil der russischen Bevölkerung bei sensiblen Themen. Für Dmitriev ein Mentalitätsproblem: "Unser Volk ist es nicht gewohnt, den Mund aufzumachen. Wir glauben nicht daran, dass man den Mund aufmachen und damit Veränderungen anstoßen kann. Wir warten lieber, bis der Präsident kommt und etwas ändert."

Seit November 2015 ist der russische Verband RusAF von allen internationalen Wettbewerben ausgeschlossen. Der Weltverband IAAF verhängte die Sperre, nachdem Yuliya und Vitaly Stepanov flächendeckendes Doping in der russischen Leichtathletik aufgedeckt hatten. Russland gelobte in der Folge Besserung, kündigte Reformen an und drängte auf eine rasche Aufhebung des Startverbots. Die Aussichten auf einen Erfolg dieses Vorhabens dürften nach den Enthüllungen des neuen Whistleblowers Andrey Dmitriev deutlich gesunken sein.

Stand: 22.01.2017, 10:37

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