Doping West soll aufgearbeitet werden

Nach Veröffentlichung der Ergebnisse einer Doktorarbeit, in der 31 ehemalige Top-Leichtathleten aus der früheren Bundesrepublik die Einnahme von Anabolika zugegeben haben, wird die Forderung nach einer umfassenden Aufarbeitung der westdeutschen Dopingvergangenheit laut.

Die Dissertation, über die die ARD-Sportschau am Samstag nach Recherchen von Sport inside berichtet hatte, sorgt für Diskussionen. Der Doping-Opferhilfeverein (DOH) fordert eine konsequente Aufarbeitung. Vor allem auch im Hinblick auf die angestrebte Spitzensportreform, die stark auf Medaillenchancen der Kaderathleten fixiert ist.

Kein Schwarze-Schafe-Phänomen

"Die gegenwärtige Spitzensportreform macht nur Sinn, wenn sie sich den bitteren historischen Hypotheken des organisierten deutschen Sports endlich stellt. Hier darf nichts mehr hinter einer Nebelwand verschwinden, weder in Ost noch in West. Das sind wir den vielen Opfern schuldig", sagte die DOH-Vorsitzende Ines Geipel.

In der Dissertation des Pharmazeuten Simon Krivec gestehen 31 Spitzen-Leichtathleten der früheren Bundesrepublik, die zwischen 1960 und 1988 aktiv waren, zum Teil über Jahre hinweg Anabolika eingenommen zu haben. Auch nachdem Verbot des leistungsteigernden Mittels durch den internationalen Leichtathletikverband im Jahr 1970. Mengen und Zeiträumen ähnelten demnach jenen im DDR-Staatsdoping. Damit sei die Dopingvergangenheit des Westens "in nie dagewesener Dimension ein Fakt und kann nicht mehr als Schwarze-Schafe-Phänomen wegmoderiert werden", hieß es in einer DOH-Mitteilung. Das Ziel müsse eine "konsequente, gesamtdeutsche Aufarbeitung der Dopingrepublik Deutschland" sein.

"Sittenbild Sport" vervollständigt

Doping-Experte Fritz Sörgel sieht durch die bislang unveröffentlichte Arbeit das "Sittenbild Sport" vervollständigt. "Für die Diskussion in der Gesellschaft ist es auch wichtig, weil man jetzt wieder ein bisschen mehr sagen kann: Ja so war's wirklich!", sagte Sörgel der Deutschen Presse-Agentur. Sörgel sieht in dem "wichtigen Dokument der Zeitgeschichte" eine Bestätigung der Untersuchungsergebnisse aus Freiburg.

Erst kürzlich hatte der Wissenschaftler Andreas Singler eine Studie zum früheren Olympia-Chefarzt Joseph Keul veröffentlicht. Dieser sei einer der "am meisten dopingbelasteten Sportmediziner in Westdeutschland" gewesen, lautete das Ergebnis. Im Vergleich zum Staatsdoping im Osten beschreibt Sörgel die Praktiken im Westen als "toleriertes Staatsdoping oder Staatsdoping unter stillem Druck, denn ein Nicht-Hinschauen ist 100 Prozent Mitschuld".

Auch wenn in der Hamburger Studie nur die Leichtathletik durchleuchtet wurde, sei "Doping kein Problem einzelner Sportarten", ergänzte Sörgel. Es gebe keine Sportart, die nicht unter den richtigen Medikamenten besser ausgeübt werden könne.

"Sportpolitisch nutzen"

Auch Leichtathletik-Spitzenfunktionär Clemens Prokop sieht in der Dissertation eine Chance, Doping in der ehemaligen Budesrepublik besser aufzuarbeiten. "Juristisch ist das natürlich verjährt", sagte Prokop. "Aber das Spannende ist natürlich: In welchen Strukturen, mit welchen Mechanismen geschah dies damals?" Man solle diese Studie sportpolitisch so weit als möglich nutzen, forderte der Präsident des Deutschen Leichtathletik-Verbandes (DLV).

"Das Ergebnis selbst ist in seiner Grundausrichtung nicht überraschend. Ich war immer der klaren Auffassung, dass im Osten und Westen gedopt wurde." Er müsse die Dissertation, die bisher noch nicht veröffentlicht wurde, aber erst lesen, um zu beurteilen, welche Schlussfolgerungen man daraus ziehen könne. Krivec will seine Dissertation am 3. April veröffentlichen.

Die Nationale Anti-Doping-Agentur NADA hat derweil mit Krivec Kontakt aufgenommen. "Um zu erfahren, ob und inwieweit sich aus dem wissenschaftlichen Werk auch Erkenntnisse für unsere aktuelle Anti-Doping-Arbeit ergeben", erklärte NADA-Sprecherin Eva Bunthoff.