IOC kehrt Testergebnisse unter den Teppich

ARD-Recherchen: Dopingverdächtige Urinproben von Olympia 2008

IOC kehrt Testergebnisse unter den Teppich

Von Hajo Seppelt und Thilo Neumann

Bei Nachtests von den Olympischen Spielen 2008 fallen mehrere Urinproben jamaikanischer Sportler auf – darin: Clenbuterol, ein hochwirksames Dopingmittel. Doch das Internationale Olympische Komitee verfolgt die Fälle nicht weiter, stellt die Ermittlungen ein. Und gibt sogar zu: es sind nicht nur Jamaikaner betroffen.

Ampullen mit Urin

Ampullen mit Urin

Olympische Spiele, Peking 2008: Das kleine Jamaika verzückt die Sportwelt, gewinnt elf Medaillen, allesamt in Sprintdisziplinen. Es ist die Geschichte der Spiele – und perfekte PR für das Internationale Olympische Komitee (IOC): Die schnellen Läufer von der kleinen Karibikinsel; ein Narrativ, das den olympischen Sport über Jahre hinaus prägen wird. Und das nun, neun Jahre später, als haltloses Märchen enttarnt werden könnte.

Dopingmittel für Jamaikas Sprinter? 

Nach Informationen der ARD-Dopingredaktion wurde 2016 bei Doping-Nachtests in mehreren Urinproben der  jamaikanischen Olympiamannschaft 2008 Clenbuterol nachgewiesen. Es handelt sich den Recherchen zufolge auch um Proben von männlichen Sprintern der Karibikinsel. Clenbuterol ist eine hochwirksame Substanz, die auf der Dopingliste steht; bekannt durch berühmte Dopingfälle wie der Sprinterin Katrin Krabbe oder des ehemaligen Tour-de-France-Siegers Alberto Contador. Nun belegen mehrere Quellen, dass das IOC über die brisanten Funde bei den Jamaikanern Bescheid wusste – diese aber nicht weiterverfolgte, sondern stattdessen die Ermittlungen einstellte.

Mehr noch: IOC-Chefmediziner Richard Budgett als Auftraggeber der Nachtests wies das betroffene Dopingkontrolllabor in Lausanne schon vorab an, Proben zwar auf verbotene Substanzen zu untersuchen. Aber der Brite erlaubte es den Labormitarbeitern nicht, etwaige positive Tests ohne vorherige Rücksprache formal zu bestätigen. Nachdem die jamaikanischen Proben im Laborscreening positive Befunde ergeben hatten, ließ Budgett die Bestätigung dieser Befunde nicht zu.

WADA wusste Bescheid

Die Bestätigung aber ist eine notwendige Maßnahme, um ein Verfahren gegen potenziell gedopte Athleten überhaupt einleiten zu können. Die vom IOC bei den Jamaika-Proben durchgeführte Praxis entspricht nicht den verpflichtenden Standards der Dopinganalytik. „Es ist schwer vorstellbar, dass ein renommierter, internationaler Verband heute noch so etwas machen würde, weil es ganz klar gegen die Regeln verstößt“, sagt etwa Detlef Thieme vom Dopingkontrolllabor in Kreischa, ohne den konkreten Fall zu kennen. „Verdachtsmomente müssen bestätigt werden.“

Und: Auch die Welt-Anti-Doping-Agentur war eingeweiht. „Mir ist bekannt, dass es jamaikanische Fälle mit sehr geringen Clenbuterol-Mengen gibt“, erklärte WADA-Generaldirektor Olivier Niggli im März freimütig gegenüber der ARD-Dopingredaktion. Es könne nicht ausgeschlossen werden, dass die verbotene Substanz durch den Verzehr von kontaminierten Fleisch in Athletenkörper gelangt sei. Zudem, so Niggli, sei der Clenbuterol-Wert womöglich zu gering, so dass ein Disziplinarverfahren gegen Athleten wenig Erfolgsaussichten hätte. Daher habe die WADA dem Vorgehen des IOC zugestimmt, die positiven Tests nicht weiterzuverfolgen. Niggli räumt indes ein: "Natürlich ist das nicht schön. Wenn man dopt, ein Betrüger ist, ist Fleischkontamination eine perfekte Ausrede, sofern man erwischt wird. Aber so ist es eben."

Pound fordert Spurensuche

Auch das IOC hat mittlerweile auf ARD-Nachfrage bestätigt, dass Clenbuterol-Funde von 2008 nicht positiv gegeben wurden. Aber damit nicht genug. Das IOC erklärt, dass bei Nachtests „mehrere Athleten aus mehreren Ländern und mehreren Sportarten“ mit „sehr geringen Clenbuterolwerten“ im Urin aufgefallen seien. Die Sportler seien aber „unschuldig“. Einen Beleg für diese Behauptung legt das IOC in seiner Antwort aber nicht vor.

Die Regeln sind klar: Für die Substanz Clenbuterol ist von der WADA kein Grenzwert festgeschrieben; jeder Fund, egal, wie gering die Menge, gilt somit als auffälliger Dopingtest und müsste nach den Anti-Doping-Bestimmungen weitere Untersuchungen zur Folge haben. „Es erscheint mir sehr ungewöhnlich, dass man in diesem Fall nicht den korrekten Abläufen folgt“, sagt WADA-Gründungspräsident Richard Pound. Der langjährige Sportfunktionär sieht vor allem Jamaika im Fokus: „Gerade Jamaika ist bekannt, ein Problem zu haben. Jeder weiß von den erstaunlichen sportlichen Erfolgen. Gerade in der Leichtathletik auf den Kurzstrecken. Wenn man seinen Job richtig macht, dann sollte man jeder möglichen Spur nachgehen und jeden Stein umdrehen.“

Fleischkontamination als Ursache?

Bleibt der Hinweis auf eine mögliche Fleischkontamination. Tatsächlich wurde im Vorfeld der Spiele in Peking vor Fleisch mit Clenbuterol-Belastung gewarnt – der Wirkstoff wurde damals in China als Tiermastmittel eingesetzt. Deswegen hatten die Olympia-Organisatoren bereits vorab höchste Sicherheitsmaßnahmen festgelegt, die Qualität der im Olympischen Dorf verzehrten Nahrung streng überwacht; Athleten wurde es gar untersagt, eigene Lebensmittel auf das Gelände zu bringen. Die Weltgesundheitsorganisation WHO bestätigte dem chinesischen Olympia-Ausrichter im Nachgang offiziell: Die Maßnahmen zur Lebensmittelsicherheit bei Olympia seien erfolgreich gewesen.

Mit der Konsequenz: Bisher war nur ein Athlet mit Clenbuterol in Peking auffällig geworden: der polnische Kanute Adam Seroczynski, bei dem bereits wenige Tage nach seinem Wettkampf in Peking 2008 die Substanz gefunden wurde. Eine IOC-Kommission sperrte ihn umgehend für zwei Jahre wegen Dopings, was 2009 vom Internationalen Sportgerichtshof CAS bestätigt wurde. Die Erklärung des Polen, das Clenbuterol sei durch kontaminiertes Fleisch in seinen Körper gelangt, hielt das IOC für unglaubwürdig. Die Frage ist: Gelten für die nun aufgefallenen Sportler andere Maßstäbe?

Jamaika immer wieder im Doping-Fokus

Gerade die jamaikanische Delegation aus der Karibik ließ 2008 zudem besondere Vorsicht walten. Zum vorolympischen Trainingslager in China brachte Jamaika heimische Nahrungsmittel mit und ließ diese von einem eigenen Koch zubereiten. Die Wahrscheinlichkeit, dass sich mehrere Athleten unter diesen Voraussetzungen mit Clenbuterol kontaminieren konnten, scheint äußerst gering. Dopinganalytiker Detlef Thieme sagt unabhängig vom konkreten Fall: „Wenn man sich damit begnügen würde, auf eine Kontaminationsbehauptung einzugehen, dann könnte man die Dopinganalytik einstellen. Man muss wirklich zusätzliche Informationen und Beweise haben, die bestätigen, dass ein solches Szenario plausibel ist.“

Zumal es gerade in der Causa Jamaika Anhaltspunkte gibt, die in eine andere Richtung weisen: Immer wieder kam es in den vergangenen Jahren zu Dopingfällen von jamaikanischen Leichtathleten, die Sperren zur Folge hatten. Zudem konnte von einem funktionierenden Dopingkontrollsystem auf der Karibikinsel 2008 keine Rede sein. Jamaika stand damals außerdem schon lange im Verdacht, Anlaufpunkt für Dopingdealer zu sein.

Kronzeuge Heredia bestätigt Kontakte

Angel Heredia war einer der bekanntesten dieser Branche. Der Mexikaner versorgte Spitzensportler mit verbotenen Mitteln - auch Sprinter aus der Karibik. Dann stieg er aus, wurde Kronzeuge für amerikanische Kriminalbehörden. Gegenüber der ARD-Dopingredaktion erinnert sich Heredia nun an die Jahre 2007 und 2008, die Zeit vor den Peking-Spielen: „Trainer aus Jamaika haben mich kontaktiert und mich gefragt, ob Clenbuterol für Sprinter geeignet sei", sagt Heredia.

"Das hatten die mich auch schon früher gefragt, sogar schon Jahre vorher. Sie wollten wissen, wie man Clenbuterol am besten einsetzt. Ob es gut für schnelle Läufe ist und für die Regeneration. Hauptsächlich setzten sie es viel ein für bessere Regeneration und Sauerstoffaufnahme sowie gegen Asthma.“ Die Wahrscheinlichkeit, dass jamaikanische Athleten Clenbuterol anlässlich der Spiele in Peking 2008 zu Dopingzwecken einsetzten, bezifferte Heredia in einer Einschätzung als "hundertprozentig".

Deutsche Leichtathletik erschüttert

Die deutsche Leichtathletik zeigt sich erschüttert von dem Vorfall. „Wenn das wirklich so abgelaufen ist, wie es derzeit scheint, kann ich das absolut nicht nachvollziehen“, sagt etwa Julian Reus, deutscher Rekordhalter über 100 Meter. „Wenn eine Dopingprobe in einem Nachtest positiv ist, muss man alles dafür tun, um diesen Sachverhalt aufzuklären. Ich bin sehr enttäuscht, dass das IOC und die WADA ihrer Pflicht gegenüber den sauberen Sportlern anscheinend nicht nachkommen.“

Auch Clemens Prokop, Präsident des Deutschen Leichtathletik-Verbands, findet deutliche Worte. „In diesem Fall ist es ein schwerer Schaden für die Glaubwürdigkeit von IOC und WADA, die hier grundlegendes Vertrauen verspielt haben. Das Verhalten der beiden Organisationen ist abstrus.“ Trotz angeblicher „Null-Toleranz-Politik“ gegen Doping: Das IOC scheint kein Interesse zu haben, die Clenbuterol-Fälle von Peking regelkonform aufzuklären.

Der jamaikanische Leichtathletikverband reagierte nicht auf ARD-Anfrage, ebensowenig das Nationale Olympische Komitee des Landes.

Thema in: Sportschau am Sonntag, Das Erste, 2.4., 18 Uhr

Stand: 02.04.2017, 15:00

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