Doping - Verdächtige Fingerabdrücke im Urin

Arbeit im Labor

Tests in Kölner Kontrolllabor

Doping - Verdächtige Fingerabdrücke im Urin

Von Thilo Neumann und Hajo Seppelt

101 Dopingfälle, davon 55 Medaillengewinner - bei Nachtests von olympischen Dopingproben wurden in den letzten Jahren reihenweise vermeintliche Sporthelden entlarvt. Großen Anteil daran haben deutsche Forscher: Im Kölner Kontrolllabor werden regelmäßig neue und verbesserte Nachweismethoden für Dopingsubstanzen entwickelt.

Als Artur Taymazov 2008 von den Olympischen Spielen aus Peking in seine Heimat Usbekistan zurückkehrt, wird der Ringer wie ein Volksheld gefeiert. Für seine Goldmedaille im Freistil bis 120 Kilogramm verleiht man ihm einen Orden für besondere Verdienste am Vaterland, als erfolgreichster Olympionike der Staatsgeschichte.

Knapp acht Jahre später wird das Märchen des Artur Taymazov zerstört - bei Nachtests von Dopingproben aus Peking 2008 werden in seinem Urin Spuren von Anabolika entdeckt: Stanozolol und Dehydrochlormethyltestosteron, besser bekannt als Oral Turinabol; klassische Dopingmittel, seit jeher auf der Verbotsliste der Welt-Anti-Doping-Agentur WADA. Das Internationale Olympische Komitee (IOC), das die Nachtests in Auftrag gegeben hatte, fordert Taymazovs Goldmedaille zurück - das Idol von einst ist als Betrüger entlarvt.

Doping unterhalb des Radars

Stanozolol und Oral Turinabol, als Dopingsubstanzen altbekannt, wurden bereits in den 1980er Jahren zur illegalen Leistungssteigerung missbraucht. Warum aber wurden die Mittel nicht bereits unmittelbar nach dem Goldkampf von Peking bei Taymazov gefunden? Gab es einen Messfehler - oder steckte Absicht dahinter?

Weder noch. Die Probe des Ringers beinhaltete vielmehr nur sehr geringe Mengen der verbotenen Mittel. Zu gering, als dass sie mit Hilfe damaliger Analyseverfahren hätten ermittelt werden können. Doping unterhalb des Radars der Kontrolleure.

Neue Messmethoden

Mario Thevis

Mario Thevis

Schließlich wurde der Usbeke doch überführt, dank neuer Messmethoden - entwickelt vom Zentrum für präventive Dopingforschung (ZePräDo) im siebten Stock eines unscheinbaren Hochhauses im Kölner Westen. Hier, auf dem Campus der Deutschen Sporthochschule, arbeiten Wissenschaftler an der Verfeinerung bestehender Messverfahren, um Dopingsündern auf die Schliche zu kommen. Der verbesserte, weil genauere Nachweis von Stanozolol wurde etwa in dem Dopingkontrolllabor entwickelt, zwischen Topfpflanzen und surrenden Kühlschränken mit Fläschchen voll Sportlerurin. Auch die neue Analysetechnik zum Aufspüren von Oral Turinabol, entwickelt vom Kontrolllabor in Moskau, beruht auf Kölner Forschungsergebnissen.

"2013 haben wir die neuen Messverfahren erstmals eingesetzt", sagt ZePräDo-Geschäftsführer Hans Geyer. "Statt wie zuvor einen positiven Befund auf Oral Turinabol hatten wir in dem Jahr 80 Fälle. Bei Stanozolol stieg die Zahl von 20 oder 30 auf etwa 180 an." Dopende Sportler, die sich bis dahin sicher gefühlt hatten, nicht entdeckt zu werden, flogen reihenweise auf.

Kriminalarbeit im weißen Kittel

Die Suche nach neuen Verfahren wird massgeblich von Geyers Kollegen Wilhelm Schänzer und Mario Thevis vorangetrieben. Sie zählen zu den führenden Experten in der Dopinganalytik weltweit - und leisten Kriminalarbeit im weißen Kittel. "Wir suchen in den Urinproben nach chemischen Fingerabdrücken verbotener Substanzen", erklärt Thevis. "Wir weisen dabei aber nicht die Dopingsubstanzen selbst nach, sondern das, was der Körper daraus während des Stoffwechsels macht, die sogenannten Metabolite." Dabei hilft Thevis ein unscheinbarer grauer Plastikkasten, so groß wie ein Handgepäckskoffer: ein Massenspektrometer. In dem Gerät werden die Proben von Weltstars und Nachwuchssportlern in ihre kleinsten Bestandteile getrennt, Moleküle in Ione überführt und zerlegt. Aus den so gewonnenen winzigen Puzzlestücken lassen sich die im Urin enthaltenen Substanzen herauslesen - denn jedes Spektrum an chemischen Bruchstücken ist so individuell wie ein menschlicher Fingerabdruck.

Pionierfunktion

Schänzer und Thevis nehmen mit ihren Kölner Kollegen bei dieser Detektivarbeit eine Pionierfunktion ein, schließlich eröffnen sie dem weltweiten Anti-Doping-Kampf durch ihre Forschung neue Nachweismethoden. Bis vor einigen Jahren konnten nur Kurzzeit-Metabolite nachgewiesen werden; Stoffe, die je nach Substanz maximal zwei bis drei Tage im Körper verbleiben. Dann wurden im Köner Labor Methoden entwickelt, um auch Langzeit-Metaboliten in Urinproben zu identifizieren. "Wir können heute einige Substanzen zehn- bis hundertmal länger nachweisen als noch vor zehn oder 15 Jahren", sagt Thevis.

Davon profitieren die Auftraggeber der Kölner, allen voran das IOC. Dieses ließ seit 2015 über 1.500 Urinproben von den Olympischen Spielen in Peking 2008 und London 2012 erneut untersuchen. 101 zuvor unentdeckte Dopingsünder konnten so überführt werden, 55 Medaillen wurden annulliert. Auch und vor allem dank Kölner Forschung: Neben den verbesserten Nachweismethoden für Stanozolol und Oral Turinabol beruhen auch neue Messverfahren für die Substanzen Metandienon, Oxandrolon und Ipamorelin - allesamt in olympischen Proben gefunden - auf der Arbeit des ZePräDo.

Kontrollen wirken abschreckend

"Die Langzeitlagerung und die Reanalysen der Proben sind ein guter und wichtiger Schritt des IOC", sagt Wissenschaftler Geyer. Aus zwei Gründen: Zum Einen wirkten die Kontrollen abschreckend auf potenzielle Betrüger, die auch noch Jahre nach ihren illegal zu Stande gekommenen Erfolgen Gefahr laufen, aufzufliegen. Zum anderen könnten sich saubere Athleten vor unberechtigten Dopingvorwürfen schützen - durch die Verfahren kann retrospektiv gezeigt werden, dass eine Spitzenleistung sehr wahrscheinlich ohne Hilfe von Dopingmitteln erbracht worden ist.

In Köln arbeitet man derweil weiter an neuen Messverfahren: Eine Nachweismethode für Gendoping-Substanzen liegt nach eigenen Angaben schlüsselfertig in der Schublade. Zudem hat Mario Thevis ein System entwickelt, das die Logistik von Nachtests erheblich vereinfachen könnte: Durch ein digitales Matrix-Modell ließe sich Jahre nach einer einmal analysierten Urinprobe mit wenigen Mausklicks prüfen, ob die Probe auch nach den neuesten Erkenntnissen der Forschung hinsichtlich bestimmter, mutmaßlich vormals unberücksichtigter Substanzen dopingfrei ist – ohne, dass der Urin noch einmal aus dem Lagerkühlraum geholt werden muss. Beide Verfahren wurden kaum von internationalen Organisationen wahrgenommen.

Wettlauf gegen die Zeit

Dabei ist der Kampf gegen Dopingsünder auch ein Wettlauf gegen die Zeit: Laut WADA-Richtlinien können Urinproben maximal zehn Jahre aufbewahrt und reanalysiert werden. Betrüger finden aber immer neue Wege und Mittel, um sich einen unerlaubten Vorteil zu verschaffen - oft auch solche, mit denen die Kontrolleure noch nicht gerechnet haben. Anfang 2017 wurde etwa bekannt, dass drei chinesische Gewichtheberinnen bei Olympia 2008 mit dem Peptidhormon GHRP-2 gedopt waren; ein Mittel, das zum Zeitpunkt der Sommerspiele noch gar nicht zugelassen war. Alle drei gewannen in ihren Gewichtsklassen die Goldmedaille - und konnten sich nun fast ein Jahrzehnt mit dem Ruhm des Olympiasieges schmücken, als unentdeckte Dopingsünder. Bis sie doch aufflogen, mit Hilfe einer Nachweismethode für GHRP-2,  die in einer Kooperation der Kontrolllabore in Köln und Tokio entwickelt wurde.

Die Methoden werden besser, die Reaktionszeiten schneller: eine Entwicklung, die auch bei den Sportlern zur Kenntnis genommen wird. "Die Lücke zwischen Betrügern und Dopinganalytik wird kleiner", sagt Hans Geyer. "Und die Athleten wissen das. Wir glauben daher, dass wir in Zukunft nicht mehr so viele positive Befunde in Reanalysen haben werden." Prävention als Abschreckung - der Kölner Weg prägt den Weltsport.

Stand: 11.07.2017, 14:00

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