Doping - Chinas Aufstieg zur Sport-Großmacht

Chinesische Whistleblowerin beantragt Asyl in Deutschland

Doping - Chinas Aufstieg zur Sport-Großmacht

Von Florian Riesewieck, Hajo Seppelt und Christian Siepmann

Alle Medaillen chinesischer Athleten aus den 1980ern und 1990ern sollten aberkannt werden, fordert Xue Yinxian. Die Ärztin kannte die Mechanismen des chinesischen Sports und berichtet von systematischem Doping in dieser Zeit. Jetzt hat sie ihr Land verlassen und in Deutschland Asyl beantragt.

Weil Xue Yinxian ihre Wahrheit ausspricht, musste sie die Heimat China verlassen. Die 79-jährige Ärztin hat Jahrzehnte in Peking gelebt. Nun aber wohnt sie seit einigen Wochen in einem Flüchtlingsheim in Deutschland. Sie hat politisches Asyl beantragt, wie auch ihr Sohn. Xue Yinxians Aussage zerstört einen chinesischen Mythos: Über zwei Jahrzehnte gründeten die Erfolge von Spitzensportlern des Landes auf Betrug, erzählt die Ärztin. Seit sie das 2012 zum ersten Mal aussprach, fühlte sie sich in ihrer Heimatstadt Peking nicht mehr sicher, sagt Xue Yinxian. Sie sei von der Staatsmacht bedrängt worden.

Der Bericht der Medizinerin ist so klar wie brisant. "In den 80ern und 90er Jahren haben die chinesischen Sportler in den Nationalmannschaften großflächig Dopingmittel genommen. Die Medaillen wurden mit Dopingmitteln begossen. Gold, Silber und Bronze. Alle internationalen Medaillen sollte man aberkennen", sagte sie der ARD-Sportschau. Das betrifft genau jene Zeitspanne, in der China zur globalen Sport-Supermacht aufstieg. Xue Yinxian hat diesen Aufschwung aus der Nähe erlebt: Seit den 70er Jahren betreute sie als Ärztin mehrere Nationalmannschaften ihres Heimatlandes, insbesondere die erfolgreichen Turner mit Weltstar Li Ning.

Mehr als 10.000 Menschen

Das System Doping allerdings reichte nach den Worten Xue Yinxians weit über die Nationalmannschaften hinaus. Selbst in regionalen Teams sei diese Art von Sportbetrug an der Tagesordnung gewesen. "Das müssen mehr als 10.000 Menschen gewesen sein. Man glaubte nur noch an das Doping. Wer Dopingmittel nimmt, verteidige das Land, hieß es. Wer aber gegen Doping ist, der gefährde das Land. Und wer das Land gefährdet, sitzt heute im Gefängnis", berichtet die Medizinerin.

Dopingkontrollen habe es in China in dieser Zeit nur mit einem Ziel gegeben, berichtet Xue Yinxian: um sicherzustellen, dass die Sportler zu Wettkämpfen ausreisen können, ohne aufzufliegen. Waren die Substanzen aus dem Körper, habe man das mit einem Codewort kommuniziert: "Die Oma ist zu Hause." Echte Kontrolleure konnten dann nichts mehr nachweisen.

Xue Yinxian sagt, sie sei gegen das Doping gewesen - das habe sie ihren Job als Chef-Medizinerin der Nationalteams gekostet. Vor den Olympischen Spielen von Seoul 1988 haben man sie aufgefordert, einen Spitzenathleten mit Dopingmitteln zu behandeln. Die Ärztin sagt, sie habe das abgelehnt: "Ich wollte die Turner-Nationalmannschaft zu einem Ort ohne Doping machen. Ich weigerte mich, einem bekannten Sportler Dopingmittel zu spritzen. Danach durfte ich nicht mehr das Team leiten. 1988 war ich noch mit der Turn-Nationalmannschaft bei den Olympischen Spielen in Seoul dabei. Nach dem Wettkampf der Turner wurde ich aber sofort isoliert. Ich durfte keine Sportler mehr behandeln."

Medaillen als Statussymbol

Kristin Shi-Kupfer ist Wissenschaftlerin und leitet den Forschungsbereich Politik, Gesellschaft, Medien beim Mercator Institute for China Studies in Berlin. Medaillen haben große politische Bedeutung für das repressive politische System Chinas, erklärt sie. "Sport oder gerade auch Erfolge im Sport, beispielsweise auch die Anzahl ganz konkret von Goldmedaillen, gelten als ein Statussymbol, als ein internationales Prestigeobjekt und auch ein Zeichen von Legitimität dieses autoritären Systems gegenüber den eigenen Bürgern, aber auch auf der internationalen Bühne", sagt Shi-Kupfer der ARD-Sportschau. Im Umkehrschluss bedeute das auch: Wenn jemand eine Schwäche oder gar einen Missbrauch offen anspreche und dies womöglich sogar im Ausland publik mache, sei das ein Gesichtsverlust für die Regierung - den diese mit allen Mitteln zu verhindern versuche.

Medizinerin Xue Yinxian hat Erfahrungen mit dieser Seite der chinesischen Regierung gemacht, erzählt sie. Vor den Olympischen Spielen in Peking 2008 hätten sie acht Personen in ihrer Wohnung aufgesucht. "Sie warnten mich davor, von der Anwendung der Dopingmittel zu erzählen. Sie drängten mich nachzugeben. Ich sagte, das könne ich nicht machen. Sie wollten mich mundtot machen. Nach dem Tod meines Mannes suchten sie mich ständig auf, wenn ein Sportwettkampf stattfand. Mir wurde verboten, darüber zu erzählen. Manchmal riefen sie auch morgens um 5 Uhr bei uns an. Meine beiden Söhne hatten deshalb ihre Arbeit verloren."

Xue Yinxians Sohn berichtet von weiteren Einschüchterungsversuchen des chinesischen Staates gegen die Familie: Polizeiautos, die vor ihrem Haus Stellung bezogen. Und mehrmals habe man versucht, Xue Yinxian Belege für ihre Aussagen abzunehmen - beispielsweise ihre Tagebücher, die sie während ihrer Laufbahn als Ärztin geführt hatte.

Doping bei 11-Jährigen

Die Aufzeichnungen der Medizinerin geben Einblick in die Folgen des Dopings für die Athleten. Die Sportler berichteten der Ärztin über Gewichtszunahmen - und darüber, dass sie die Lust auf ihr Training verloren. Xue Yinxian kennt weitere erschreckende Details des gesundheitsgefährdenden Sportbetrugs: "Wenn einer das Doping verweigerte, musste er die Mannschaft verlassen. Zuerst haben die Kinder-Mannschaften die Mittel angewendet. Die Jüngsten waren gerade mal elf. Ich konnte nichts dagegen machen. Erst als Probleme aufgetaucht waren, kamen sie zu mir. Ein Trainer kam zu mir und sagte: Ärztin Xue, die Brüste unserer Jungs werden immer größer. Die Jungs waren etwa 13 bis 14 Jahre alt. Ich fragte: Wie ist es dazu gekommen? Und er sagte: Es liegt an den Substanzen, die Chen Zhanghao ihnen gegeben hat." Chen Zhanghao war Chef-Mediziner der chinesischen Nationalmannschaften. Schon 2012 hatte er eingeräumt, dass in China gedopt worden war.

Die Aussagen der heute 79-jährigen Xue Yinxian beziehen sich auf weiter zurückliegende Jahre. Ob das von ihr beschriebene Dopingsystem noch heute so oder ähnlich funktioniert, kann die Medizinerin nicht beurteilen - sie wurde 1988 aus der Spitze des Sportsystems herausgedrängt, war aber weiterhin viele Jahre auf unteren Ebenen tätig. In den vergangenen zwei Jahrzehnten bis in die jüngste Vergangenheit flogen viele chinesische Sportler als Doper auf. Erst im Januar 2017 etwa verloren drei Gewichtheberinnen ihre Goldmedaillen, die sie bei den Olympischen Spielen 2008 in Peking zu Unrecht gewonnen hatten.

Die ARD-Sportschau bat das Chinesische Olympische Komitee und das Sportministerium um Stellungnahmen zu den Doping-Vorwürfen, die die ehemalige Sportärztin Xue Yinxian erhebt. Keine der beiden Institutionen antwortete. Peking bereitet sich indessen schon wieder auf Olympische Spiele vor: 2022 sollen sich dort die Sportler bei Winter-Olympia miteinander messen. Bislang ist China nicht als Wintersportnation bekannt.

Mit dem großen Sport hat die nach Deutschland geflüchtete Xue Yinxian abgeschlossen. "Unser alter Staatschef Mao Zedong hat mal gesagt: Sport macht die Menschen gesünder. Aber mit dem gedopten Sport werden viele Generationen Schaden davontragen", sagt die 79-jährige Ärztin. Sie kennt die Folgen des gesundheitsgefährdenden Betrugs nur zu gut.

Stand: 21.10.2017, 16:51

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