Brähmer schubst Gutknecht vom Thron

Karsten Röver und Jürgen Brähmer

Deutsches Duell um die EM-Krone

Brähmer schubst Gutknecht vom Thron

Von Sanny Stephan

Er ist endgültig zurück: Ex-Weltmeister Jürgen Brähmer aus Schwerin hat das stallinterne Duell um die Europameisterschaft im Halbschwergewicht gewonnen. Brähmer entthronte dabei den Champion Eduard Gutknecht einstimmig nach Punkten. Die Punktrichter Manuel Oliver Palomo (Spanien) mit 114:113, Mikael Hook (Schweden) mit 117:110 und Leszek Jankowiak (Polen) mit 116:111 sahen Brähmer in einem hitzigen und engen Gefecht überraschend deutlich vorn.

"Deutlicher kann man es nicht machen. Aber ich werde jetzt nicht gegen die Punktrichter wettern, sondern mich über Nacht beruhigen und sehen, dass ich noch 71 werde", sagte Wegner nach dem verlorenen Duell. Gutknecht nahm die Niederlage entspannter und gab zu: "Er war etwas frecher. Das Kampfurteil hatte ich etwas enger gesehen. Ich hätte ihn k.o. schlagen sollen. Das war drin, doch für den entscheidenden Schlag fehlte mir die Konzentration." Obwohl Gutknecht mit einem Studium zum Gesundheits-Management schon für die Zeit nach dem Boxen vorgesorgt hat, will er nicht in Rente gehen. "Ich hole mir den Gürtel zurück", kündigte er an.

Fotostrecke vom EM-Fight Brähmer vs. Gutknecht

Jürgen Brähmer hat Eduard Gutknecht den EM-Titel im Halbschwergewicht weg genommen. Nach einer intensiven Auseinandersetzung siegte der Mecklenburger einstimmig nach Punkten. Hier gibt es den Kampf in Bildern!

Ulli Wegner gegen Eduard Gutknecht

EM im Halbschwergewicht: Gutknecht vs Brähmer

Das ist der Titelverteidiger: Eduard Gutknecht aus Gifhorn, flankiert von Trainer-Altmeister Hans-Ullrich ("Ulli") Wegner. Den Mund riss er vorher nicht auf. Es ging im Vorfeld des EM-Kampfs im Halbschwergewicht eher schiedlich-friedlich zu.

EM im Halbschwergewicht: Gutknecht vs Brähmer

Das ist der Titelverteidiger: Eduard Gutknecht aus Gifhorn, flankiert von Trainer-Altmeister Hans-Ullrich ("Ulli") Wegner. Den Mund riss er vorher nicht auf. Es ging im Vorfeld des EM-Kampfs im Halbschwergewicht eher schiedlich-friedlich zu.

EM im Halbschwergewicht: Gutknecht vs Brähmer

Augen auf beim Straßenverkehr - und beim Boxkampf: Herausforderer Jürgen Brähmer (re.) mit wachem Blick.

EM im Halbschwergewicht: Gutknecht vs Brähmer

Die beiden, die sich schon seit Zeiten beim Boxstall Universum kennen, lieferten sich ein intensives Duell: Kopftreffer blieben da nicht aus.

EM im Halbschwergewicht: Gutknecht vs Brähmer

Der eine oder andere Schlag ging aber auch einmal ins Leere.

EM im Halbschwergewicht: Gutknecht vs Brähmer

Gegen Ende des Kampfes bekam Gutknecht die zweite Luft und brachte den bis dahin führenden Brähmer noch einmal in Bedrängnis. Zu einem Knockout kam der 30-Jährige, der im April 2010 einen WM-Kampf gegen Robert Stieglitz verloren hatte, aber nicht.

EM im Halbschwergewicht: Gutknecht vs Brähmer

In den letzten beiden Runden schienen beide fast stehend k.o. zu sein. Diese Szene war typisch für diese Phase: Gutknecht drückte Brähmers Kopf nach unten. Oder war es Brähmer, der seinen Kopf immer wieder nach unten senkte und so über die Runden kam?

EM im Halbschwergewicht: Gutknecht vs Brähmer

1996 führte er ihn in Kuba schon zum Junioren-WM-Titel: Trainer Karsten Röwer. Nun hat er den Schweriner wieder unter seinen Fittichen. Zuvor hatte Brähmer viele Jahre mit Michael Timm zusammengearbeitet. Der war sogar sein Bewährungshelfer und eine Art väterlicher Freund. Im Sommer 2012 verließ Timm Brähmers früheren Boxstall Universum und arbeitet seitdem in Schwerin am Bundesstützpunkt des Deutschen Boxsport-Verbandes.

EM im Halbschwergewicht: Gutknecht vs Brähmer

Ulli Wegner gratulierte Brähmer. Auch wenn er selbst seinen Schützling Gutknecht vorne gesehen hatte. Und das prestigeträchtige Trainerduell gegen Röwer, den viele als seinen künftigen Nachfolger sehen, verloren hatte. Brähmer kann sich nun auf eine WM-Chance freuen. Gegen den Sieger des WM-Fights des Verbands WBO im März zwischen Weltmeister Nathan Cleverly (Wales) und Herausforderer Robin Krasniqi (München) vom Magdeburger SES-Boxstall.

Brähmers Plan geht auf

Ganz andere Ziele verfolgt jetzt Jürgen Brähmer. Der 34-Jährige, der schon von 2009 bis 2011 als WBO-Weltmeister geführt wurde, bekommt eine neue Titelchance. Er wird noch in diesem Jahr um die WM boxen. Der Gegner wird noch zwischen dem derzeitigen Titelträger Nathan Cleverly (England) und dem Münchner Robin Krasniqi vom Magdeburger SES Boxstall ermittelt. Beide boxen am 16. März in London um den WBO-Gürtel. "Ich bin überglücklich, dass das mit so einem 'Happy End' geklappt hat. Es war ein großes Risiko. Aber ich wollte den schnellsten Weg nach oben gehen. Es hat funktioniert", freute sich der neue EM-Champion, der erst seit einem halben Jahr bei Sauerland unter Vertrag steht.

Intensive Ringschlacht

Die Zuschauer bekamen einen unterhaltsamen und intensiven Kampf serviert. Beide legten einen stürmischen Beginn hin, suchten sofort den Nahkampf – und nach 85 Sekunden ging Brähmer zu Boden. Allerdings hatte ihn Gutknecht ohne Absicht umgestoßen. Während Rechtsausleger Brähmer danach auf seine schnellen Hände setzte, versuchte Gutknecht aus der langen Distanz zu boxen. Brähmer hatte dabei leichte Vorteile, kam immer mal wieder mit seiner linken Schlaghand durch. Das schmeckte Gutknecht-Trainer Wegner überhaupt nicht: "Du musst platzierter hauen. Hier geht es um deine Existenz", schimpfte der 70-Jährige nach der dritten Runde.

Jürgen Brähmer gegen Eduard Gutknecht

In der vierten Runde war Brähmer der aktivere Mann, fing sich aber durch einen Schlag von Gutknecht einen Cut über dem rechten Auge ein. Blut lief ins Auge, Schweiß floss und Brähmer fiel. Zwei Mal rutschte er aus, allerdings wieder ohne Schlagwirkung. Dabei "keilten" sich beide jetzt wirklich wild, kämpften mit offenem Visier und trafen. "Der ist am Ende, mach es zu", rief Wegner seinem Schützling zu. Gutknecht ging in der sechsten Runde nach vorn und traf mit schönen Kombinationen. Allerdings fehlte seinen Schlägen der Dampf. Wirkung hinterließen sie nicht. Aber sie hatten Kraft gekostet. Viel Kraft. Während Gutknecht in der siebten Runde nur noch durch den Ring schlich, war Brähmer jetzt wieder mopsfidel und bearbeitete Gutknecht mit seiner linken Schlaghand. Doch einbrechen wollte in diesem intensiven Stallduell keiner und so raufte sich Gutknecht in der achten Runde auf und zeigte einige Kombinationen, Brähmer reagierte mit Kontern. In der neunten Runde wurde Gutknecht mit einem Punktabzug bestraft, weil er Brähmer nach unten drückte, allerdings duckte sich der Herausforderer auch immer weg.

Wegner redet von "Beschiss"

Ulli Wegner gegen Eduard Gutknecht

"Eddy, jetzt musst du klare Treffer setzen. Du musst kämpfen, damit sie wissen, dass hier beschissen wird", knurrte Wegner in der Pause. Fühlte er sich etwa schon da betrogen? Er schien, als wüsste er bereits, dass Brähmer deutlich führt. Das ist nicht unüblich im Profi-Boxen und so schickte Wegner seinen Schützling mit den Worten: "Mach eine große letzte Runde, damit die sich alle schämen da unten", in den Ring. Gutknecht versuchte alles, doch es fehlten ihm die Körner. Brähmer jubelte nach dem Kampf, ließ sich feiern. Nur an Wegners Miene konnten die Zuschauer schon erahnen, wie das Urteil lauten würde. Die Bestätigung kam – nachdem die Punktrichter mit dem Rechnen fertig waren. Und Sieger-Trainer Röwer fasste zusammen, warum sein Schützling verdient gewonnen hatte: "Jürgen hatte die klarere Linie und die schnelleren Hände." Sauerland hat so oder so weiter einen Europameister. Das wiederum ist das Gute an eigentlich ungeliebten Stallduellen.

Stand: 03.02.2013, 00:21

Darstellung: