Die mangelnde Effizienz im Anti-Doping-Kampf

Reagenzgläser mit Urinproben

Aufklärungswille fehlt

Die mangelnde Effizienz im Anti-Doping-Kampf

Von Michael Ostermann

Doping-Kontrollen gehören zum Alltag im Leistungssport. Doch immer noch bleiben Betrüger unentdeckt. Wie kann das geändert werden?

Alljährlich zieht die Nationale Anti-Doping-Agentur Bilanz ihrer Arbeit. Das Fazit fällt meist positiv aus. So ist das auch beim Fazit für 2012, das die NADA am Mittwoch (03.07.13) vorgestellt hat. Perikles Simon überzeugen die Jahreszahlen nicht. Im Gegenteil: Der Sportmediziner von der Gutenberg-Universität in Mainz hält das Anti-Doping-System in seiner derzeitigen Form für ineffektiv.

"Die Aufklärungsquote ist in den letzten Jahren unverändert geblieben oder sogar gesunken", sagt Simon. Deutschland habe europaweit die niedrigste Quote an positiven Befunden pro Kontrolle.

Besser gedopt oder abgeschreckt?

Perikles Simon

Perikles Simon

Auf den ersten Blick bedeutet das: Deutsche Sportler dopen nicht oder nur zu einem ganz geringen Teil. Doch Simon interpretiert die Zahlen anders: "Meine Hypothese ist, die deutschen Athleten dopen geschickter." Als Beleg für dafür nennt er die Dopingfälle im Radsport. "Die deutschen Radsportler haben massiv gedopt, die NADA hat fleißig kontrolliert, aber niemanden erwischt. Da stimmt irgendwas nicht", sagt Simon. "Die von der NADA aufgelisteten Fälle sind überwiegend keine schweren Fälle, sondern etwa vermeintliche Versäumnisse der Athleten, Angaben zu machen oder Fälle im Behindertensport, wo oft nicht klar ist, ob es therapeutische Gründe gibt. Wenn man die auch noch rausrechnet, wird in Deutschland fast gar kein Doper überführt."

Schänzer: Die Kontroller sind besser

In seinem Büro in Köln sitzt Wilhelm Schänzer und lächelt gequält, wenn er hört, das Kontrollsystem sei nicht effektiv. Schänzer leitet das Institut für Biochemie an der Deutschen Sporthochschule. In seinem Labor landen ein Großteil der Urin- und Blutproben, welche die Dopingkontrolleure einsammeln. "Man kann natürlich sagen, die deutschen Athleten dopen intelligenter, aber ich würde eher sagen, die Kontrollen sind besser und die Abschreckung ist höher als anderswo", sagt er.

Hohe Dunkelziffer

Allerdings muss auch Schänzer zugeben, dass die dopenden deutschen Radsportler nicht durch Kontrollen aufgeflogen sind. "Ich gebe zu, in bestimmten Bereichen ist das Kontrollsystem da ineffektiv gewesen", sagt er. Die Zweifel werden durch eine Studie gestützt, die unweit von Schänzers Büro entstanden ist. Im Auftrag des Bundesinstituts für Sportwissenschaft untersuchten Kirstin Hallmann und Christoph Breuer vom Kölner Institut für Sportökonomie und Sportmanagement die "Dysfunktionen des Spitzensports". Ein Ergebnis: Sechs Prozent der befragten Athleten gaben zu, regelmäßig zu dopen. Die Dunkelziffer dürfte höher sein.

Natürlich kennt auch Schänzer die Studie, bleibt aber skeptisch. "Wir sind der Meinung, dass die Fragen nicht präzise gestellt worden sind", sagt der Biochemiker. So sei zum Beispiel nicht klar definiert gewesen, was genau unter Doping zu verstehen sei. Auch Unterschiede zwischen den Sportarten mache die Studie nicht. "Ich will die Dunkelziffer gar nicht unterschätzen", sagt Schänzer. "Nur frage ich mich, was genau machen die?" Er vermutet, dass es bei den Angaben der Athleten in vielen Fällen auch um Freizeitdrogen wie Haschisch oder Marihuana gegangen ist. Offiziell auf der WADA-Liste der verbotenen Substanzen, aber in den meisten Fällen eben nicht zur Leistungssteigerung eingesetzt.

Kein Verlangen nach dopingfreiem Sport

Wilhelm Schänzer

Wilhelm Schänzer

Neue Substanzen, die er mit seinen Analysemethoden nicht finden kann, spielen seiner Meinung nach dagegen eine eher untergeordnete Rolle. "EPO, Testosteron in Kombination mit Wachstumshormonen. Das sind so die Klassiker. Die werden uns auch noch in zehn Jahren beschäftigen", sagt Schänzer. Die Analytik in den Kontrolllaboren kann allerdings nur so gut sein wie der Input, den sie bekommt. In Wettkampfkontrollen etwa werden nur jene Doper erwischt, die gravierende Fehler machen. Es geht also darum, die Betrüger auch wirklich schnappen zu wollen.

Doch genau an diesem Willen gibt es erhebliche Zweifel. "Es gibt kein Verlangen, die Mühen und Kosten auf sich zu nehmen, die nötig sind, um einen dopingfreien Sport zu schaffen“, befand kürzlich eine Arbeitsgruppe der Welt-Anti-Doping-Agentur. Bezogen war dieses Fazit auf alle Beteiligten: Sportverbände, Anti-Doping-Agenturen, Regierungen und Athleten.

Ideen für die Zukunft

Für die Zukunft des Anti-Dopingkampfes bedeutet das nichts Gutes. Dabei mangelt es nicht an Vorschlägen, wie der Kampf gegen den Sportbetrug verbessert werden könnte. Die WADA-Arbeitsgruppe fordert unter anderem die Einführung eines biologischen Passes für Athleten in allen Sportarten, die Unterstützung von Kronzeugen, die bereit sind, ihr Wissen über Dopingstrukturen zu offenbaren, und intelligentere Kontrollen. Derzeit seien die Tests generell zu vorhersehbar. "Wenn man etwas verbessern kann, dann sind es die Strukturen. Es muss systematisch kontrolliert werden", sagt auch Laborchef Schänzer. "Wir fordern schon seit langem, dass die Kontrollen von einer einzigen Instanz durchgeführt werden müssen."

Bleibt die Frage nach den Athleten. Sie sind es letztlich, die die Entscheidung für oder gegen den Betrug fällen. Die WADA fordert von den Sportlern eine proaktive Haltung im Bezug auf Doping. Präventionsmaßnahmen könnten dabei hilfreich sein. Doch Experten wie Perikles Simon sind auch in dieser Hinsicht eher skeptisch. "Sie werden damit verhindern, dass ein paar Nachwuchssportler zu dopenden Hochleistungssportlern werden. Das bedeutet aber, dass sie gar keine Leistungssportler werden", sagt Simon. "In einem Dopingumfeld dopingfreien Sport treiben zu wollen, ist eine Perversion."

Stand: 03.07.2013, 08:38

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